Höhere Weihen

Seit er ein kleiner Junge ist, wird der Österreicher Rudolf Buchbinder als Pianist gefeiert. Nun, da er 70 wird, will er etwas schaffen, das am Ende bleibt. Von einer schwierigen Suche

Text: Carolin Pirich
Fotos: Daniel Delang

Eine Stunde bevor die grimmigen Herren im Wiener Musikverein die Pforten öffnen und die Gesellschaft ihre Garderobe abgibt, sitzt Rudolf Buchbinder im Goldenen Saal am Steinway und knetet seine rechte Hand. Sie ist kalt. Er spielt ein paar Takte, setzt ab, fummelt das Notenheft auf, sieht nicht hinein. Er schiebt es wieder weg. Dann greift er noch einmal zu. Sonst beruhigt das Klavier diese seltsame Nervosität. Jetzt scheint es die Wirkung verloren zu haben. Die Töne verhallen im Saal.

Buchbinder gehört zu den Menschen, die mit einem Lächeln ihre ganze Gestalt zum Leuchten bringen können. Aber jetzt sammeln sich auf seiner Stirn Schweißperlen, das Gesicht ist grau. „Fertig“, murmelt er, „ich bin fertig“. Kaum eine Viertelstunde ist vergangen, da schnappt er sich sein Sakko und flieht zur Tür. Die Noten rutschen ihm aus der Hand. Er muss sie aufheben. Nur deshalb schaut er noch einmal zurück, ins Dunkel des Zuschauerraums.

Um 19.30 Uhr werden elegante Damen und Herren den Stolz auf ihre Konzertkarte mit in den Saal tragen. Sie werden einander zunicken; man kennt sich. Das Gerücht hält sich, nur derjenige habe Aussicht auf einen Platz im Abonnement, der ihn erbt. Der Goldene Saal des Wiener Musikvereins ist für Musiker das, was für Tennisspieler Wimbledon ist. Oder für Katholiken der Vatikan.

Für den Pianisten Rudolf Buchbinder wurde er in 58 Jahren Bühnenkarriere zu seinem zweiten Wohnzimmer, wie er sagt. Er könnte den Weg von der Garderobe zum Klavierhocker blind gehen. Er eilt die wenigen Schritte zum Flügel auf der Bühnenmitte, bis er dort ankommt, muss er das Nervenflattern im Griff haben. Er schaut ins Publikum und entdeckt das dunkle Haar seiner Frau.

Hier hat Buchbinder 1958 zum ersten Mal gespielt, da kannte ihn die Wiener Gesellschaft als „den Rudi“, ein elfjähriger Bub in kurzen Hosen als Solist vor einem Orchester. Er galt als das große Talent. Ein halbes Leben später hat der Rudi die drei Konzertflügel ausgesucht, die das Haus dann gekauft hat. Die Musik, die er gleich spielen wird, ist ihm ins Fleisch übergegangen: Buchbinder spielt Beethoven. Neunundvierzig Mal schon gab er alle zweiunddreißig Sonaten in Zyklen. Mehrere Tausend Stunden Musik. Diesmal ist es das fünfzigste Mal. Ein Heimspiel also. Ein Konzert wie jedes andere, sagt Buchbinder. Und doch wirkt er, als spielte er hier das erste Mal.

Rudolf Buchbinder gehört zu den bedeutenden Beethoveninterpreten. Backhaus, Brendel, Barenboim, Buchbinder. Von außen betrachtet könnte man meinen, er habe alles erreicht, was man als Pianist erreichen kann. Die Musikstadt Wien liebt ihn. China will ihn hören. In Amerika soll er immer wieder spielen. Nach Deutschland kommt er regelmäßig, in diesem November allein nach Düsseldorf, Hamburg, München, Bamberg. Die Damen schicken ihm Blumensträuße in die Garderobe, sein Publikum bekommt nicht genug von ihm. Und mehr als das. Er hat eine Frau, die ihn verehrt. Zwei Kinder, zwei Enkel. Aber es scheint, als fehlte noch etwas.

In der Wirtschaft kann man Erfolg mit dem Geld messen, das einer verdient, oder an der Position, die er innehat. Im Sport an Zeit, Toren, Punkten. Oder an Weltmeistertiteln. Wenn einer alles erreicht hat, dann will er das Hochgefühl noch einmal haben, warum soll nicht noch mehr gehen? Michael Schumacher zum Beispiel: Selbst als er den Höhepunkt seiner Karriere längst erreicht hatte, hat er nicht aufhören können. Hätte er nicht diesen schweren Skiunfall vor drei Jahren gehabt, er würde wahrscheinlich immer noch seine Runden drehen. Jeder Sieg ist auch ein Fluch. Siege machen süchtig.
David Bowie beschrieb das Gefühl so: Fame, what you get is no tomorrow.
Wenn der Topmanager sein Geld zählen kann und der Fußballer seine Tore, woran lässt sich dann der Erfolg eines Künstlers messen? An den glücklichen Gesichtern der Zuhörer, an den Sträußen in der Garderobe? An Publikumszahlen, Kritiken, der Anzahl der Auftritte, den Auftrittsorten?

Ein paar Wochen zuvor hat Buchbinder in sein Haus in Wien eingeladen. Von der Straße, in der er mit seiner Frau wohnt, in der seine Kinder aufgewachsen sind, hat man einen schönen Blick auf die Weinberge vor Wien. Der Taxifahrer will wissen, wen man in dieser Gegend besucht. Muss ja ein Promi sein. Auf dem Klingelschild steht nur „B“.
Das Haus liegt im Hang. Buchbinder steigt die Treppen hinauf, Hanggeschoss, Erdgeschoss, Obergeschoss. Er spiele mehr als Beethoven, das solle man nicht vergessen, sagt er, Bach, Brahms, Gershwin. „Aber als Beethovenspieler deklariert zu werden, ist eher eine Auszeichnung.“ Und dann kommt dieses Buchbinderlächeln hervor. Ab und zu zeigt er es. Als ginge ein Scheinwerfer an.

In vier Begegnungen vermeidet Buchbinder beharrlich das Wort Interpret. Er sagt: „Spieler“. Als wollte er betonen, dass er den Noten nichts hinzufügen könne, als spielte er bloß und legte den Meister nicht aus. Noch heute vergleicht er immer wieder aufs Neue Urtextausgaben, sucht nach Hinweisen des Komponisten in Handschriften, die er vielleicht übersehen haben mag. Er ärgert sich über die Leute, die meinen, das Klavierspielen falle ihm einfach leicht. Auf älteren Fotos sieht man ihn, wie er das Gesicht über die Tasten gesenkt hält. Die Arbeit mit den Noten hat den Bauch des Spielers gewölbt, den Rücken gebeugt.

Buchbinder führt ins Arbeitszimmer. Auf einem seiner beiden Flügel steht eine Büste von Beethoven. Diese steilen zwei Falten zwischen den Brauen, diese entschlossen nach unten gezogenen Mundwinkel. Beethoven, der geniale Grantler. Einer, der taub wurde, eine schwierige Kindheit hatte und Probleme mit Frauen. Aber dessen Musik frei davon geblieben ist, in der wir bis heute eine Tiefe finden, die überirdisch ist.
Der „Meister“, wie Buchbinder Beethoven nennt, begleitet ihn schon sein gesamtes Leben.

Vielleicht hat der Meister ihn auch zu dem gebracht, was er heute hat. Ein Haus im gepflegtesten Bezirk von Wien. Fans weltweit. Aber auch den Ruf bei Kollegen und Kritikern als „Detektiv der Noten“, weil er sich so getreu an die Partitur hält, dass sie ihm vorwarfen, er wollte sich dahinter verstecken. Als würde er sich nicht trauen, sich zu zeigen. Er galt nicht unbedingt als ein Intellektueller unter den Pianisten. Eher als Handwerker.

Vielleicht ist es das, was Buchbinder kurz vor seinem Konzert mit den Beethoven-Sonaten so fahrig werden lässt: Es ist, als werde die Zeit fühlbar, die bleibt, um in einem Bild aufzugehen, das irgendwann einmal für sein Leben entworfen wurde. Das Bild von etwas Großem. Von etwas, das bleibt. Es ist, als suche Buchbinder noch etwas, von dem er glaubt, dass er es noch nicht hat.

Buchbinder lässt sich auf einem Sofa nieder, schlägt die Beine übereinander. Aus dem Fenster schaut man auf die Weinberge. Der Wind treibt Wolken wie Wattebausche über den Himmel. „Kein guter Blick“, sagt er, zu schön. „Lenkt von der Arbeit ab.“ Er wirkt auf einmal unwirsch. Als sei ihm wieder eingefallen, dass er in den nächsten Stunden nicht Klavier spielen, sondern sich mit sich selber beschäftigen soll.
Stellen Sie sich manchmal vor, was man auf der Beerdigung über Sie sagen könnte?
„Man vergisst sehr schnell. Es gibt wenige Namen, die übrig bleiben.“
Gibt es heute jemanden, dem Sie etwas beweisen wollen?
„Ja. Mir. Nur mir.“
In einem Alter, in dem andere langsamer werden, dreht Buchbinder auf. Am 1. Dezember wird er 70. Eine Asien-Tour liegt gerade hinter ihm. Die CD-Produktion läuft hochtourig: Mozart, Schubert, wieder Beethoven, sein erster Bach, der bei ihm verliebt klingt und swingt. Innerhalb weniger Wochen hat er Konzerte mit den fünf großen Orchestern Amerikas, den „Big Five“, gegeben. Er spielte in Salzburg, in Edinburgh. Beethoven, jeweils alle 32 Beethoven-Sonaten, jeweils „das erste Mal in der Geschichte“, sagt er. Das Publikum liebte ihn für die Verzweiflung im ersten Satz der „Mondscheinsonate“, für sein Aufbäumen in ihrem dritten Satz und das Licht im Scherzo der G-Dur-Sonate. Und für seine Gabe, dem Publikum das Gefühl zu schenken, es sei Teil der Musik, gerade in diesem Moment, mitverantwortlich, mitgestaltend.
Trotzdem: Es scheint, dass jeder Gipfel, den man einmal erklommen hat, beim zweiten Mal schon an Zauber verloren hat. Es reicht nicht.

Wie geht es Ihnen nach einem Konzert?
„Das Schlimmste ist die Frage: Are you happy? Was ist das für eine Frage, wie kann ich glücklich sein?“

Rudolf Buchbinders Karriere ist eine Aufsteigergeschichte, der amerikanische Traum im Konzertsaal. Anders aber als in der Politik, wo es als Qualitätsmerkmal gilt, es aus einfachen Verhältnissen an die Spitze zu schaffen, zählt hier eine solche Geschichte nicht. Es geht ja auch nicht um Macht, sondern um Kunst. Die macht man nicht, die entsteht. Harte Arbeit will im Konzertsaal niemand sehen. Die entzaubert den Nimbus von Talent, einem Talent wie das des Rudi Buchbinder. Er war ein einfacher Junge, aufgewachsen zwischen den Ruinen des Zweiten Weltkriegs. Ein Kritiker sagte später, Buchbinder sei „das größte pianistische Naturtalent“, das ihm je begegnet sei.
Der Vater ist tot, die Mutter arm, beim Onkel steht ein Klavier und auf dem Klavier ein Radio. Der kleine Rudi spielt auf den Tasten nach, was er im Radio hört. Schlager, Gassenhauer. An der Wand hängt eine Totenmaske aus Porzellan, Ludwig van Beethoven. Der stumme Wächter. Als der Rudi fünf ist, bringt ihn der Onkel an die Musikhochschule in Wien. Ohne Noten lesen zu können, spielt Rudi der Aufnahmekommission den Schlager „Ich möchte gern dein Herz klopfen hören“ vor. Mit fünf Jahren wird er der jüngste Student. Mit elf kommt er in die Klasse von Bruno Seidlhofer, zusammen mit Martha Argerich.
So in etwa geht Buchbinders Aufsteigergeschichte weiter. Erst mal.

Aber etwas zu haben wie das „größte pianistische Naturtalent“, ist nicht nur ein Geschenk, es ist auch eine Bürde. Es ist, als hätte ein anderer ein Versprechen für ihn abgegeben, dieses Geschenk in Großes zu verwandeln. Nur – wer löst es ein? Und wie?

Während andere mit einem vollen Konzertkalender wie Buchbinder früh schlafen gehen, tingelte der damals durch die Bars. Spielte Schlager, spielt Fußball. Später macht er Fernsehsendungen mit Titeln wie „Buchbinders Vielharmonie“. Er hegte den Traum von einem „Klassikstadl“, so wie es einen „Musikantenstadl“ gibt: Hunderte Menschen bei Bier, Brot und Musik. Sein Ziel war: Standesgrenzen niederreißen. Vielleicht war genau das das Problem: Ein Pianist mit diesem Output, mit dieser Vielfalt, der es wagte, sein „Naturtalent“ überallhin zu tragen, in den Konzertsaal ebenso wie in irgendeine umgebaute Scheune aufs Land. Philosophen am Klavier waren andere. Buchbinder war einfach da und lächelte sein Buchbinder-Lächeln.

Damals kursierte der Begriff „Salonlöwe“ über ihn, bis heute gehört er zum Geraune. Einer, dem der „kleine Kreis der Kenner“ nicht genüge. Einer mit „Tausendsassa-Wurstigkeit“, der sein Talent an die Masse verschwende. „Hemdsärmelig“ ist auch so ein Begriff. „Eher Musikant als Hohepriester“. Einer, der nicht sinniert, sondern zupackt. Ein Handwerkertyp eben. Als könnte ein Musiker, der fleißig ist, nicht fliegen.
Vielleicht ist Rudolf Buchbinder auch einfach nur ein ehrlicher Mensch: Fußballer spielen Fußball, Manager führen Unternehmen, ein Pianist spielt Klavier. Buchbinder sagt, Klavierspielen sei nicht nur Berufung, das sei auch ein Beruf, mit dem man halt auch die Familie ernährt.

Es gab eine Zeit in den Achtziger- und Neunzigerjahren, da war der Rudi in Wien der Klavierlöwe. Er spielte, unterhielt die Leute, füllte Fernsehshows. Auf jeder Party der Wiener Gesellschaft tauchte er auf und gab die Stimmungskanone. Spricht man ihn auf diese Zeit an, hat er sie gerade nicht parat. Vielleicht will er auch nicht über sie sprechen. Vielleicht passt sie nicht ins neue Bild, das er von sich zeigen will. Zu dem passen die neuen CD-Cover. Buchbinder beugt sich nicht mehr übers Klavier. Mit erhobenem Kopf sitzt er vor seinem Instrument. Oder steht vor einer Wand mit Kunstbänden. Blick in die Weite. Die Botschaft scheint klar: Ich bin kein Handwerker mehr. Wir erreichen jetzt die höheren Weihen.

Was bedeutet für Sie oben sein?
„Wenn man das spielt, was man will und wo man spielt, wo man will.“
Sind Sie jetzt oben?
„Ich bin noch nicht so weit. Das kommt noch.“

Buchbinder schaut auf das Aufnahmegerät, vergewissert sich, dass es läuft. Ellenbogen auf der Lehne. Einmal steht er auf, zeigt drei Bilder, die er gemalt hat. Sie hängen im Treppenhaus. Häuser einer Stadt unter expressionistischem Himmel. Er wartet ab. Scannt das Gesicht seines Gegenübers, ob die Mimik gleich zusammenpassen wird mit dem, was man über sein Bild sagt. Dann sagt er, er male nicht mehr, er sei nicht gut genug. Der „Tausendsassa“ macht jetzt nur noch Musik.
Wien, Goldener Saal des Musikvereins. Mit 57 Jahren ist Beethoven in dieser Stadt gestorben. Mit fast 70 geht Buchbinder noch einmal seine Sonaten an – in einer Stadt, die einen großen Teil ihres Stolzes aus den großen Komponisten zieht, die einst hier gewirkt haben. Der Saal ist rappelvoll. Mit einem trockenen Schlussakkord in der G-Dur-Sonate gewinnt er dem Publikum ein Lachen ab. Die Ersten springen auf. Jubel.
In Sichtweite des Solisten sitzt Buchbinders Frau. Sie nickt ihm zu. Eins, zwei, drei Verbeugungen. Im Theater würde man die Vorhänge zählen, die fallen. Eine Zugabe. Dann schließt sich die Tür hinter Buchbinder. Er kommt nicht noch einmal auf die Bühne. Er lehnt am Flügel in seiner Garderobe und trinkt Scotch. Die Eiswürfel klimpern im Glas. Er schüttelt viele Hände, lächelt in viele Gesichter, dann flieht er in die Nacht. Zehn Tage, hat er noch gesagt, rührt er das Klavier nicht an.

Erschienen in der Welt am Sonntag, So 06.11.2016

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