Stillstand

Foto: Sima Dehgani

Eine Stunde später steht Joana Mallwitz neben ihrem Mann am Eingang zum Hofgarten. Es ist warm. Simon Bode trägt Lederhandschuhe; als Tenor ist er daran gewöhnt, um andere Menschen einen Bogen zu machen, jede Erkältung kann seine Stimme angreifen. … Mallwitz sagt: »Es ist niemand gestorben.«
Dunkler knöchellanger Mantel, Licht im Haar.
Sie sagt: »Mir passiert nichts.«
Tränen fließen über die Wangen. Irgendwo muss sie hin, die Musik, die Energie, die sich angestaut hat. Sie wischt die Tränen weg.

Sie sagt: »Es ist nur ein Konzert.«

*

Stillstand

Joana Mallwitz gilt schon in jungen Jahren als außergewöhnliche Dirigentin. Doch was jetzt, ohne große Bühne, ­lange Zeit auch ohne Live-Publikum? Über den Versuch, trotz Corona nicht aus dem Takt zu kommen.

Weiterlesen: im Süddeutsche Zeitung Magazin, hier entlang bitte.

Joana Mallwitz sagt: »Mahler lockt dich in eine wunderschöne, sehnsuchtsvolle Sphäre. Du lässt dich darauf ein. Du öffnest dich. Und dann kommt er fies von der Seite und sticht zu.« Die Musik von Mahler passt in eine Zeit, in der die Welt aus den Fugen geraten ist. Gustav Mahler, gestorben 1911 in Wien, unglücklich verheiratet, hat unter anderem zehn Sinfonien komponiert, die letzte blieb unvollendet. In die Noten schrieb er, wie seine Musik vorzutragen sei, »sehr zurückhaltend« etwa, »wie eine Volksweise«, »stürmisch bewegt«. Die Angaben aus der Partitur seiner 1. Sinfonie lesen sich wie Kapitelüberschriften zu den vergangenen Monaten der Joana Mallwitz, da steht zum Beispiel, fett gedruckt:

Wie ein Naturlaut.

Am 16. März 2020 wird in Deutschland das Virus das Leben stilllegen, werden Schulen, Kitas und Geschäfte geschlossen, Konzerte abgesagt werden, und Joana Mallwitz wird den Satz sagen, sie fühle sich ihrer Daseinsberechtigung beraubt: eine Dirigentin ohne Orchester und ohne Publikum. Eine stumme Musikerin. Zwei Tage zuvor fühlt es sich in der fensterlosen Münchner Oper an wie draußen auf dem Marienplatz, über den die Menschen in Trauben spazieren: als wäre nichts. Es ist der 14. März, ein hellblauer Samstagvormittag, ein Tag mit ersten Knospen an den Sträuchern, und Joana Mallwitz probt mit dem Bayerischen Staatsorchester auf der Bühne der Münchner Oper Schubert und Mahler. Sie nennt es: »Ein absolutes Glücksprogramm.« Sie schlägt die kleine Partitur mit der »Unvollendeten Sinfonie« von Franz Schubert auf. Die Sinfonie beginnt in Finsternis, tief in den Streichern. Eine Oboe schickt einen Lichtschein hinein. Das Horn scheint wie ein Leuchtturm aus der Ferne im Nebel auf, ein Hoffnungsstrahl. Die Streicher treten ihn aus. Dann zieht ein einsamer Ton hinüber in eine Welt, als wäre nichts gewesen, in einen hellen Tanz in G-Dur. »Totale Idylle, zu unwirklich, wie ein Traum«, sagt Joana Mallwitz. Das Gesicht der Dirigentin, ihre Bewegungen zeigen einen Zustand der Glückseligkeit, einer Verliebtheit, vielleicht. Dann dunkelt ihr Ausdruck ein. Der Körper nimmt eine Angriffshaltung ein, die Schultern klappen vor, das Gesicht: Attacke. Sie will nicht, dass man zu früh merkt, dass dieses Glück gleich abreißt, aber sie muss ja einen Moment früher dort sein, wo sie die Musiker haben will: in einer Finsternis, die wie aus dem Jenseits herüberweht. Wenn Joana Mallwitz dirigiert, kann man die Musik sehen. Es ist, als wollte sie noch einmal tief Luft holen, für das Publikum, für die Musiker, für ihre Arbeit der vergangenen Monate. Ein letzter Auftritt vor der Stille. Das ist der Plan, an dem halten sie fest. Er gibt auch Halt. Die WHO hat das Coronavirus wenige Tag zuvor zur Pandemie erklärt. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat empfohlen, Versammlungen mit mehr als 1000 Menschen bis zum

19. April abzusagen. Zunächst. In den Zuschauerraum der Bayerischen Staatsoper passen 2101 Menschen, das Konzert am 16. März wäre bis zum letzten Platz ausverkauft gewesen. Jetzt wollen sie es vor leeren Rängen spielen. Es soll dann aber gefilmt und live im Internet gestreamt werden. Wenigstens das. Sie ruft: »Ja!« Lässt die Arme sinken. Aus. Sie sagt: »Aber.« Es kann Musiker frustrieren, wenn sie spielen und eintauchen in die Zustände, die die Musik ihnen gibt, und die Dirigentin unterbricht immer wieder. Hier ein Tempo schneller, da ein Akzent anders. Sie sagt: »Hier muss das Sforzato eine Unbedingtheit haben. Das Fortepiano muss wie ein Beben klingen.« Über Wochen hinweg hat sich Joana Mallwitz über die Noten gebeugt, sie hat analysiert, Tabellen mit Zahlen geschrieben, um zu sehen, wie der Komponist den Satz strukturiert hat. Joana Mallwitz hat über Akzente gegrübelt, von der Musik geträumt. Alles, was sie dem Orchester sagt, soll einen Grund haben. Ein Klarinettist: »Jetzt waren Sie es, die bremsen.« Mallwitz: »Ich? Ich bremse?« Der Klarinettist nickt: »Ja.« Mallwitz: »Ich bessere mich.« Sie lacht. Die Sonne geht auf. Die Zeit, in der Dirigenten ihre Vorstellung dem Orchester aufdrücken, neigt sich dem Ende zu. Musiker schätzen jene, die in Dialog treten, die auf das eingehen, was ihnen die Musiker anbieten. Die das nicht nur können, sondern es auch wollen. Ein Oboist legt vor dem Publikum spontan mehr Innigkeit in sein Solo, er spielt vielleicht gedehnter als in den Proben, und der Dirigent oder die Dirigentin nimmt den Impuls auf, gibt ihn ans Orchester weiter. So bleibt in der Aufführung Raum, die Musik in die Gegenwart zu holen. Teodor Currentzis soll zu jenen gehören, die auch zuhören wollen. Andris Nelsons. Mariss Jansons, der im Dezember starb. Und Joana Mallwitz. Nach der Probenpause Mahler. Sie lässt die Sinfonie durchspielen, ohne Unterbrechung, zum ersten Mal. Wie fühlt sich Mahler an mit dem Orchester, das, wie sie sagt, so beweglich sei, so schnell auf ihre Zeichen anspreche? In den vergangenen Jahren ist das Orchester vom Dirigenten Kirill Petrenko geprägt worden. Jetzt leitet Petrenko die Berliner Philharmoniker, und Joana Mallwitz darf mit dem Bayerischen Staatsorchester Mahlers 1. Sinfonie spielen, leuchtende Musik mit einigen Untiefen, aber teilweise sehr glücklich, im Rahmen seiner Verhältnisse. »Der Titan«, so lautete mal der Beiname dieser Sinfonie. Das Bayerische Staatsorchester hatte Mahlers Erste lange nicht aufgeführt, als Joana Mallwitz eingeladen wurde, mit ihm aufzutreten – die Sinfonie war frei. Als sie das Programm zusammenstellten, wollte Igor Levit, der Pianist, Liszt spielen. Mallwitz suchte dann Schubert dazu aus, seine »Unvollendete«. Sie ist das Werk, das Joana Mallwitz als 14-Jährige mit Bleistift in ordentlicher Schrift einen Satz in die Partitur schreiben ließ: »Dies ist meine erste eigene Partitur und hoffentlich auch das erste Werk, das ich später als Dirigentin dirigieren werde.« Schubert. Liszt. Mahler. Diese Stücke, dieses Orchester, dieser Pianist. Mallwitz und Levit sind befreundet, seit sie zusammen im Institut zur Früh-Förderung musikalisch Hochbegabter in Hannover studiert haben. Aber gemeinsame Auftritte gibt es wenige. Ihre Vorfreude auf das Konzert am 16. März ist riesig. Sie schließt die Augen. Fünfzig Minuten Musik, ohne in die Partitur zu sehen. Alles fliegt, sie fliegt, das Orchester fliegt. Vor einigen Jahren noch hat Joana Mallwitz zur Vorbereitung auf eine Wagner-Oper Liegestütze gemacht, weil sie Sorge hatte, ihr Körper könne aufgeben beim Marathon, den Komponisten wie Wagner und Mahler einem Dirigenten abverlangen. Mittlerweile weiß sie, dass die Musik sie trägt. Bei Mahler ist es die Stille, aus der ein Lied wächst, ein Jubel. Immer wieder führt Mahler durch eine Wolke ins Paradies, für einen Moment. Dann reißt er einen zurück. Letzte Kämpfe. »Höchste Kraft«, hat Mahler am Schluss in die Partitur geschrieben. Joana Mallwitz sagt: »Am Ende bist du einfach nur fertig.« 

Vorwärts drängend 

Für eine Dirigentin oder einen Dirigenten ist eine Mahler-Sinfonie ein Meilenstein. Kaum ein anderer Komponist verlangt ein so großes Orchester wie Gustav Mahler, Vollbesetzung der Bläser, der Streicher, da ist alles dabei, von Harfe bis Kuhglocken. Kaum ein anderer Komponist hat in Sinfonien Welten entstehen lassen wie er. Ein Dirigent, der mit einem Orches ter Mahler aufführen darf, ist entweder Chef dieses Orchesters. Und wenn er nicht dessen Chef ist, dann ist er sehr berühmt. Mahler war einer der Ersten, die das Orchester wie ein Instrument gedacht haben, das der Dirigent spielt wie ein Pianist sein Klavier. Mozart ist nicht unbedingt Dirigentenmusik. Mahler schon. »Hundert Leute können eine solche Sinfonie nicht ohne Pilot spielen«, sagt Joana Mallwitz. »Dafür braucht man dann eben doch das Dirigentenhandwerk.« Joana Mallwitz, 33 Jahre alt, ist außerhalb der Musikwelt nicht berühmt. Aber sie ist auf dem Weg dorthin. 2018 wurde sie Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg. Im vergangenen Jahr wählte die Zeitschrift Opernwelt sie zur »Dirigentin des Jahres«, in den Jahren davor waren es Christian Thielemann, Kirill Petrenko und John Eliot Gardiner. Kritiker schrieben, bei Joana Mallwitz stimme »nun wirklich alles«, sie schaffe es, »große Geschichten aus der Musik herauszuarbeiten«, eine »Ausnahmedirigentin«. Bei den Salzburger Festspielen im Juli sollte sie das vielleicht bekannteste und berüchtigtste europäische Orchester dirigieren: die Wiener Philharmoniker. Das kann in einem Dirigenten ungefähr das auslösen, was es in einem Fußballtrainer auslöst, wenn er das Angebot bekommt, Real Madrid zu übernehmen. Als der Intendant der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, sie anrief, so erzählt es Joana Mallwitz, antwortete sie sofort mit »Ja«. Und wartete dann auf den Schock. Sie sagt: »Eine große Ehre, aber der Schock blieb aus. Ich trau mir das zu.« Im Dezember haben wir uns das erste Mal getroffen. Damals sieht es aus, als würden im Jahr 2020 gleich zwei Meilensteine im Leben der Dirigentin Joana Mallwitz stehen: die Wiener Philharmoniker auf dem bedeutendsten Festival für klassische Musik. Und Mahlers 1. Sinfonie mit dem Bayerischen Staatsorchester im März. Es ist anders gekommen.

Wenn man Joana Mallwitz mit einer Farbe beschreiben wollte, dann wäre es Blau. Ein frisches, reines Blau, wie die Farbe ihrer Augen. Der Solo-Oboist ihres Nürnberger Orchesters sagt im vergangenen Dezember, in dreißig Jahren im Dienst habe er noch keinen solch »klaren Charakter« auf dem Dirigentenpult erlebt wie Joana Mallwitz. Eine Hornistin spricht von einer Konzentration, die von ihr ausgehe, die das gesamte Orchester »high« mache. Ein Musiker eines anderen Orchesters vom »Glück«, sie in einer Probe erlebt zu haben. Alle entscheiden sich für das Wort »Klarheit«, wenn sie beschreiben, wie Mallwitz dirigiere. Wenn man sie so sprechen hört, kann man den Eindruck bekommen, andere Dirigenten duckten sich bei heiklen Stellen gern weg. Bei ihr sei das nicht so. Auf sie könne man sich verlassen. Joana Mallwitz sagt: »Wenn man vertraut, überträgt sich das auf das Orchester. Das zu erreichen ist die Qualität des Dirigenten.« Wenn Mallwitz spricht, gibt es kein Wort zu viel. Sie ist witzig und pointiert. Die feingliedrigen Hände in Bewegung. Sie spricht, wie sie geht, zielgerichtet und schnörkellos. In einer Geschwindigkeit, dass man neben ihr schneller atmet. Das heißt nicht, dass sie Unruhe verbreiten würde. Sie hat die Gedanken eben schon alle gedacht und fertig, aber Sprache ist anders als Musik – es gibt nur eine Richtung: Die Worte können ja nicht gleichzeitig raus, nur nacheinander. Sie will, dass man versteht, wie das funktioniert mit dem Dirigieren, wie sie versucht, dahinterzukommen, was in der Musik passiert sein muss, damit ein Motiv, das wiederkehrt, klingt, wie es klingen soll. Sie sucht nach einer Geschichte, die die Musik erzählt. War da Verzweiflung? Hoffnungslosigkeit? Gab es eine Läuterung? Sie sagt: »Ich kann dir leicht beibringen, wie man einen Takt schlägt. Dann machst du ein intensives Gesicht und Bambambam. Aber damit du den Klang kriegst, den du willst – das hat nicht so viel mit deinen Armen zu tun.« »Ungekünstelt« ist das Wort, das Martin Brauß einfällt, wenn er über sie spricht. Schon als sie in seine Dirigierklasse in Hannover kam, sie muss 14 gewesen sein, fiel ihm ihre »ehrliche Leidenschaft« und »leidenschaftliche Ehrlichkeit« auf. Deshalb hatte er ihr eigentlich nicht zugetraut, sagt er, dass sie es in diesem Betrieb aushalten würde, in dem es Neid und Geltungstrieb gebe wie überall, wenn es um Positionen an der Spitze geht. Mit dem Bild, das die alten Dirigenten-Diven geprägt haben, hat sie nichts mehr zu tun. Daniel Barenboim soll mal zu seinem Kollegen Simon Rattle gesagt haben: »Wenn du so nett bist, erreichst du nie etwas.« Von Sergiu Celibidache stammt die Aussage: »Ein Dirigent ist ein verkappter Diktator, der sich glücklicherweise mit Musik begnügt.« Joana Mallwitz sagt: »Man muss beim Dirigieren zu einem gewissen Grad sich selbst aufgeben. Wenn man das Ego weglässt, ist es eigentlich ganz einfach.« Jedenfalls kann man feststellen: Joana Mallwitz gehört nicht zu den Menschen, die so viel Aufmerksamkeit brauchen, dass die Luft aus einem Zimmer entweicht, sobald sie es betreten. Im Gegenteil. Sie wartet, bis man fertig ist mit den Fragen, dann stellt sie selbst welche. Danach zum Beispiel, wie man das organisiert mit Kindern und dem Schreiben. Ob man das Gefühl habe, der Job rücke durch eigene Kinder in den Hintergrund. Das Thema beschäftigt sie. In ihrem Beruf gibt es noch nicht so viele Mütter. 

Kräftig bewegt, doch nicht zu schnell. Wild. 

Ende Januar 2020 ist »Corona« ein Wort aus den Nachrichten über China. In Frankfurt kann man lernen, wie eine Dirigentin einen Opernabend zu retten vermag. In der Garderobe schlüpft Joana Mallwitz in einen schwarzen, eleganten Overall. Sie pudert übers Gesicht, schminkt die Lippen rot, prüft das Spiegelbild. Das Haar trägt sie in einem kurzen Bob, die Strähnen fliegen beim Dirigieren von selbst wieder aus dem Gesicht zurück. Sie lächelt ihrem Spiegelbild kurz zu. Passt. Noch eine Dreiviertelstunde bis zum Auftritt. Joana Mallwitz wird eine unbekannte Oper dirigieren, Pénélope vom französischen Komponisten Gabriel Fauré. Es geht um Penelope, die nach zwanzig Jahren Abwesenheit ihres Mannes Odysseus nicht bereit ist, einen anderen zu heiraten. Ein eher inneres Drama. Schwer zu inszenieren. Mallwitz hatte das Projekt drei Jahre zuvor zugesagt. Sie reizte das unbekannte Stück, sie reizte die Rückkehr zum Frankfurter Orchester. Damals wusste niemand, dass sie zu dem Zeitpunkt der Premiere Anfragen haben würde, die sie auf große Bühnen stellen. Aber das sagt Joana Mallwitz nicht. Sie sagt, sie freue sich auf den Abend. Die Musik habe einige Fallen, sie sei sehr subtil, wenige Effekte, die das Publikum aus den Sesseln reißen. Sie ruft den Inspizienten, überreicht ihm die Partitur. Er trägt sie auf das Pult in den Orchestergraben. Sie sagt: »Jetzt kann ich nichts mehr lernen.« Es gebe nur noch Plan A. Fliehen geht nicht. In der nächsten halben Stunde will sie in der Garderobe sitzen und atmen. Oder im Kreis gehen. Sie will sich vorstellen, wie der erste Takt klingen soll. Manche Musiker brauchen bis zum Moment vor dem Auftritt auf der Bühne Menschen um sich herum. Und wenn niemand da ist, dann eben Kontakt zu Menschen auf Twitter. Joana Mallwitz nicht, sie hat nicht mal einen Instagram-Account. Sie braucht Stille. Der Orchesterwart öffnet ihr die Tür. Sie betritt, zack, zack, den Orchestergraben. Dreht sich zum Publikum, Hände an die Stirn zur Begrüßung, dreht sich zum Orchester, toi, toi, toi. Sie spannt an, einatmen. Und los! Auf der Bühne: zwei Stunden Statik wie in einer Vorabend-Seifenoper. Am Ende treffen Odysseus und Penelope nach zwanzig Jahren irre machender Sehnsucht aufeinander. Man könnte erwarten, Odysseus umarme Penelope, er küsse sie, er falle auf die Knie, irgendwas. Aber in dem Moment passiert auf der Bühne immer noch nichts. Zwei antike Statuen. Das Leben kommt aus dem Orchestergraben. Dort hört man Überwältigung, Hingabe, Liebe. Mallwitz hat den Abend davor bewahrt, als gähnend langweilig in Erinne-rung zu bleiben. Bevor sie beim Applaus auf die Bühne gebeten wird, tauscht sie im Orchestergraben ihre flachen Ballerinas gegen schwarze Lackpumps. Verbeugung, Herz nach oben. Man hat den Eindruck, für sie gebe es keinen größeren Moment, als genau jetzt an diesem Ort zu sein.

Sehr einfach und schlicht wie eine Volksweise 

Im Auto. Zum ersten Auftritt in einer Fernsehtalkrunde, Kölner Treff, WDR-Studio in Köln-Bocklemünd. Anspannung ablegen. Ein Spiel zum Ablenken. Ihre Presseagentin findet das eine gute Idee. Wie wäre es damit: »Ruinieren Sie einen Romantitel mit nur einem Buchstaben!« Joana Mallwitz reagiert nicht. Sie sieht aus dem Fenster. Der Himmel über Köln liegt tief, eine graue Suppe. »Der Tor in Venedig.« Sie sagt nichts. Hört zu, vielleicht. »Schuld und Sahne.« Hm, hm. »Frust. Der Tragödie zweiter Teil.« Ein Lächeln, immerhin. Man liegt nicht falsch, wenn man meint, Joana Mallwitz hat gern Kontrolle. Dirigenten brauchen Kontrolle. Schon allein über die ganzen Noten. In Hotelzimmern schließt Joana Mallwitz die Partituren im Safe ein. Sie hat auch gern Kontrolle darüber, wie ihr Haar liegt. Im Fernsehstudio probiert die Maskenbildnerin »was Modernes« mit dem Bob der Dirigentin aus. Mallwitz sagt nichts, aber die Raumtemperatur sinkt. Eine Viertelstunde später steht Joana Mallwitz mit feuchtem Haar, Föhn und Rundbürste in ihrer Garderobe vor dem Waschbecken und versucht, wieder wie sie selbst auszusehen. Es ist ohnehin an diesem Tag vieles gar nicht ihre Welt, schon allein die ganze Zeit, die so eine Fernsehgeschichte raubt und die sie nicht hat. Ihr ehemaliger Lehrer Martin Brauß erzählt, dass Joana Mallwitz wenig schlafe, wie alle, die »wirklich im Bann der Musik« stünden. Sie lese eigentlich jede freie Minute in Partituren, gerade nachts, wenn nichts sie ablenken kann. »Sie ist grundseriös«, sagt er. Joana Mallwitz ist daran gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen, zwischen dem Orchester vorne und dem Publikum im Rücken. Aber dort geht es um Musik. Hier soll es um sie gehen. Das strengt sie an. Sie fragt in der Garderobe: »Ist das so interessant, was ich erzähle?« Als die Fernsehkameras um den Stuhlkreis rollen, stellt die Moderatorin die Gäste vor. Sandra Maischberger hat einen Film produziert, der vom »Ehrenmord« an einer Frau erzählt. Jan Bülow ist gerade als Udo Lindenberg im Kino zu sehen. Gianni Jovanovic wuchs in einer Roma-Familie auf, engagiert sich heute gegen Homophobie und Rassismus und ist Großvater mit 42 Jahren. Alle haben etwas zu verkaufen: ein Buch, einen Film, ein Engagement. Joana Mallwitz soll über sich sprechen. Sie ist in Hildesheim geboren, ihre Eltern sind Lehrer, keine Musiker. Sie, das hochbegabte Mädchen, das mit 13 an die Hochschule für Musik und Theater Hannover kam und dort endlich nach dem gefragt wurde, was ihr im Kopf herumging: »Was hältst du von diesem Akkord, und wo soll der hinführen?« Man kennt von ihr die Geschichte, wie sie bei einer Aufführung der Madame Butterfly einsprang, sie war Anfang zwanzig und rannte durch Heidelberg, weil sie ein schwarzes Shirt für den Orchestergraben brauchte. Sie zog es links herum an. Frage der Moderatorin: »Wie ehrgeizig sind Sie, auf einer Skala von eins bis zehn?« Antwort: Man kriege jedes Mal Muffensausen, vor jeder Probe, es sei jedes Mal eine Herausforderung. Also sage sie: zehn. Was die Karriereplanung betreffe, würde sie sagen: »Da war ich naiv.« Zwischenfrage an Gianni Jovanovic: »Bist du eigentlich Opernliebhaber?« 

Antwort: »Ich bin gerne Opa, ja.« 

Heiterkeit, gelöste Stimmung. Gute Bedingung für die Frage, die Joana Mallwitz hasst. Sie soll mal gesagt haben, ich bin keine Frau, ich bin Musikerin. Ihre Presseagentin hat erzählt, sie sage alle Anfragen zum Thema »Frauen und Dirigieren« ab. 

Die Moderatorin fragt: »Dirigieren Frauen anders?« 

Antwort: »Nein. Jeder einzelne Mensch dirigiert vollkommen anders.« Wenn ihre Antwort in einer Partitur stünde, hätte der Komponist attacca darüber geschrieben, so schnell schießt sie aus ihr heraus. Später am Abend kommt an der Hotelbar der Schauspieler Jan Bülow auf Joana Mallwitz zu. Er hatte in der Talkshow erzählt, dass er gern Gitarre spiele und für den Udo-Lindenberg-Film Schlagzeug gelernt habe. Er klang stolz. Bülow hat ein junges Gesicht, groß gewachsen, riesige Füße. Er bewegt sich weder auf Instagram noch auf Twitter. Das verbindet ihn mit Mallwitz. Er sagt: »Kann denn keiner mehr einen Moment für sich behalten?« Er sieht Joana Mallwitz an wie eine Fee aus dem Zaubergarten. Er spricht nicht viel von sich. Er stellt ihr hundert Fragen. Zum Beispiel nach dem »absoluten Gehör«. Mallwitz erzählt, wie einmal ein As-Dur nach Gis-Dur geklungen habe, die Hände sausen durch die Luft, der Bob fliegt, das muss unter Musikern eine herrliche Geschichte sein. Dazu muss man wissen, dass auf dem Klavier der Ton Gis und der Ton As auf derselben Taste liegen. Bülow hebt die Hände: »Ich komm nicht mehr mit.« Sie muss laut lachen, ja klar, okay. Die Welt ist weit und leicht an jenem Abend.

Stürmisch bewegt

Vielleicht kann man sich den Zustand einer Dirigentin (oder eines Dirigenten) kurz vor einem Auftritt vorstellen wie eine Geburt in den Presswehen. Die harte Arbeit ist überstanden, der Körper entwickelt Riesenkräfte, es wird nicht mehr lange dauern, dann übernehmen die Endorphine. Nur noch Glück. Wenn nichts dazwischenkommt. Anruf von Joana Mallwitz am Morgen des 16. März, einem Montag. Die Sonne wirft lange Schatten auf den Platz vor der Münchner Oper. Keiner da, nur die Skulptur von Max I. Joseph. Es habe einen Verdachtsfall gegeben, sagt Mallwitz am Telefon. Einer der Orchestermusiker könnte sich mit dem Coronavirus infiziert haben. »Es ist abgesagt. Die Generalprobe, das Konzert. Abgesagt.« Jetzt dürfen sie nicht einmal für das Streaming auftreten. Die Arbeit der vergangenen Monate: vergeblich. Die Energie, die sich in ihr angestaut hat, findet kein Ventil. Schluchzen. Am Vorabend war sie aus Nürnberg ins Hotel gekommen. In der Nacht saß sie wieder über den Partituren. »Können wir spazieren gehen? Wo geht man in München spazieren?« Sie war mehrmals in der Stadt, aber viel mehr als den Weg zwischen Hotel und Konzertsaal hat sie nicht gesehen. Jetzt muss sie irgendwo hin mit sich. Eine Stunde später steht Joana Mallwitz neben ihrem Mann am Eingang zum Hofgarten. Es ist warm. Simon Bode trägt Lederhandschuhe, als Tenor ist er daran gewöhnt, um andere Menschen einen Bogen zu machen, jede Erkältung kann seine Stimme angreifen. Igor Levit, der Pianist, stößt dazu. Er wäre Solist beim Konzert gewesen, außerdem ist er mit Mallwitz und Bode befreundet. Am frühen Morgen hat er das Hotel verlassen, Unruhe, es war wohl noch kühl, er sieht aus, als würde er zum Skifahren aufbrechen. Mallwitz sagt: »Es ist niemand gestorben.« Dunkler knöchellanger Mantel, Licht im Haar. Sie sagt: »Mir passiert nichts.« Tränen fließen über die Wangen. Irgendwo muss sie hin, die Musik, die Energie, die sich angestaut hat. Sie wischt die Tränen weg.

Sie sagt: »Es ist nur ein Konzert.« Betretene Gesichter. Auch Levit kann nicht mehr auftreten, jedenfalls nicht vor Publikum. Aber er hat vier Tage zuvor begonnen, jeden Abend um 19 Uhr in seinem Wohnzimmer für seine Twitter-Follower zu spielen, und selbst an diesem Unglücksmontag darf er am Mittag in der Oper am Flügel sitzen, sie zeichnen für den Internetstream auf der Seite des Nationaltheaters am Abend auf. Beethovens Diabelli-Variationen mit Solo-Piano statt Schubert, Liszt und Mahler mit Orchester. Mallwitz geht ein paar Schritte, bleibt stehen, schaut zu Levit, der mit ihrem Mann spricht und gestikuliert. »Ich beneide ihn. Ich beneide ihn wirklich. Er hat einen Kanal.« An Twitter denkt sie nicht. Sie meint das Klavier. Große Schritte durch den Englischen Garten. Surfer balancieren auf der Eisbachwelle. Vögel zwitschern. Knospen sind aufgebrochen. Die Sonne strahlt. Sie sagt: »Als würde das Wetter uns eine Nase drehen, schau doch, das Leben ist schön.« Es ist wie bei Gustav Mahler. Er quält dich. Und dann stehst du in einer Wolke und ahnst das Paradies. Sie sagt: »Man kann diese Schönheit nur wahrnehmen, weil man weiß, wie sie auch wehtun kann.« Die Wochen danach. Die Bundesregierung ruft Deutsche zum freiwilligen Erntedienst auf. Der Papst hält die Ostermesse im fast leeren Petersdom. Der Ölpreis sinkt auf Rekordtief: Er wird negativ. Die Deutsche Orchestervereinigung sammelt Spenden, die sie an freiberufliche Musiker vergeben will. Im besten Fall wären das bis zu 500 Euro, die sie pro Antrag auszahlen können. Anträge per E-Mail treffen minütlich ein. Bayerns Ministerpräsident Söder spricht von Fußball und Fußpflege. Bis Ende August sollen Großveranstaltungen verboten bleiben. Was Großveranstaltungen sind, definieren die Länder. Nikolaus Bachler, der Intendant des Bayerischen Staatstheaters, sagt in einer Videobotschaft: »Ein Künstler, der nicht auftreten darf, ist kein Künstler.«

Nicht eilen 

Anruf bei Joana Mallwitz in Nürnberg Anfang April. Es gab ein Treffen vom Ballettmeister, dem Schauspieldirektor und der Generalmusikdirektorin im Nürnberger Staatstheater. Sie überlegten, unter welchen Umständen sie das Theater für Publikum öffnen könnten. Praktisch alle Abonnenten zählen zur Risikogruppe. Sie sind ratlos auseinandergegangen. Joana Mallwitz sagt: »Was sind wir ohne Auftritt, ohne Musik, ohne Publikum?« Nachdem sie als »Dirigentin des Jahres« ausgezeichnet worden war, bedankte sie sich bei ihrem Orches ter und sagte: »Was wäre ich ohne Sie?« Jetzt sei das bewiesen. »Ich bin ohne Orchester stumm.« Sie ist viel zu Hause. Sie liest. Sie geht spazie ren. Auch ihr Mann ist zu Hause. Sein erster Auftritt in Paris wurde abgesagt, die Tour durch Belgien – mittendrin abgesagt. Wann Musiker wieder auftreten dürfen, weiß niemand. Die Geschwindigkeit in Mallwitz’ Sprachduktus lässt nach. Sie erzählt, sie seien traurig, wenn sie daran dächten, mit welcher Musik und welchen Kolleginnen und Kollegen sie diesen oder jenen Tag eigentlich verbracht hätten. Sie mache sich Sorgen um Freunde und um Kinder, die jetzt nicht lernen dürfen, sagt sie, und die vielleicht Gewalt ausgesetzt seien. Einatmen. Ausatmen. Sie selbst wolle sich nicht beschweren, ihr und ihrem Mann ginge es gut. Sie sei fest angestellt, existenzielle Not gebe es keine. Sie habe jetzt Zeit, Dinge zu tun, die sie sonst nicht täte.

Tempo vorwärts 

Der 18. April ist ein Samstag. Im Staatstheater Nürnberg dürfen bis zu 14 Musiker gleichzeitig auf die Bühne, mit einem Abstand von mindestens 1,50 Metern. Deshalb zerlegen sie Beethovens 7. Sinfonie in kurze Abschnitte. Im Abstand von jeweils einer Stunde kommen zwischen 9.30 und 19.30 Uhr: die Hornisten. Die Flötistin. Acht Holzbläser. Streichergruppen. Dazwischen wird umgebaut, desinfiziert, werden Abstände gemessen. Das sieht man auf einem Video, zu dem eine Mitarbeiterin des Staatstheaters einen Link geschickt hat. Die Überwachungskamera hat es aufgenommen. In der Mitte, vor den Instrumentengruppen, steht der Flügel, an dem Joana Mallwitz eigenhändig die Stellen auffüllen wird, die sonst das Orchester spielt, das Tutti. Es soll die 30-minütige Corona-Version eines Formats werden, das sonst an einem ganzen Abend Publikum und Orchester zusammenbringt. Joana Mallwitz hat das Format entwickelt. Sie nennt es »Expeditionskonzert«. Die Idee: Die Dirigentin stellt mit dem Orchester Teile einer Sinfonie vor, danach hört das Publikum das gesamte Werk. Eigentlich. Jetzt darf niemand kommen, auch das Orchester darf nicht in normaler Besetzung spielen. Dafür zeichnen vier Kameras des Bayerischen Rundfunks zeitversetzt die Teile auf. Im Schnitt sollen sie wieder zusammengefügt werden. Wenn es funktioniert und der Bayerische Rundfunk den Film zeigt, würden sie noch eine Sinfonie zerlegen. Und noch eine. So lange, bis das Publikum wieder ins Konzert kommen darf.

Langsam steigern

Das Oktoberfest wurde abgesagt. Die Salzburger Festspiele finden statt, aber reduziert – weniger Publikum, weniger Konzerte. Kurz nach Pfingsten wieder ein Anruf vom Intendanten Hinterhäuser. Die mit den Wiener Philharmonikern geplante Zauberflöte wird es nicht geben, dafür eine andere Mozart-Oper mit dem berühmten Orchester: Così fan tutte . Zusammen mit dem Regisseur kürzt Joana Mallwitz in nächtelangen Telefonaten die Oper auf eine Fassung, die keine Pause braucht, denn Pausen würden zu viele Menschen zusammenbringen. »Es kommt nicht darauf an, Erwartungen zu erfüllen«, sagt sie am Telefon. »Man muss das jetzt einfach machen.« Sie spricht schnell, sie freut sich, aber in den vergangenen Wochen hat sie gelernt, sich zu bremsen. »Wenn einer der Musiker sich mit Corona ansteckt, kann noch alles abgesagt werden.« Wenn sie an die nächste Spielzeit in ihrem Theater, dem Staatstheater Nürnberg denkt, spricht sie von Barockopern. Die brauchen ein kleineres Orchester als eine Mahler-Sinfonie. Mahler wird sie wegen der großen Orchesterbesetzung in den kommenden Monaten nicht aufführen können. Sie blättert in der Partitur der 1. Sinfonie. Diese Melodie, dieser Jubel. Diese Abgründe. Selbst durchs Telefon kann man spüren, wie die Musik in ihr anschwillt, wie sie rauswill. Sie summt. Hier ein paar Takte, da ein paar Takte. Am Ende der Sinfonie hat Gustav Mahler einen Satz in die Partitur geschrieben, eine »Anmerkung für den Dirigenten«. Da steht: »Die Fermaten am Taktstrich bedeuten hier eine ›Luftpause ‹ und keinen ›Halt ‹.« Eine Fermate ist ein Ruhezeichen, wie ein Innehalten. Sie überlässt es dem Interpreten, wie lange die Pause gehalten werden soll. Joana Mallwitz liest diesen Satz jetzt anders. »Weißt du, was Fermate auf Italienisch heißt?«, fragt sie. 

Was?

»Corona.«

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