Licht und Schatten

Meist ist Alex gut drauf. Dann hat er irre viel Energie, redet schnell und laut, lacht gern. Nur zwei Mal im Jahr liegt er sechs Wochen im Bett, weil er es nicht schafft aufzustehen. Porträt eines bipolaren Menschen

Von Carolin Pirich

Es war eine dieser langen Nächte auf dem Sofa. Auf dem Bildschirm lief die Show Sing meinen Song, und der Sänger da auf der Fernsehbühne schien in Alex hineinzugreifen und die Wörter aus ihm herauszuziehen.

Es gibt zwar immer zwei Seiten, aber nur eine, auf der man steht. 

Alex weiß noch, wie ihn diese Zeile traf wie ein Blitz. Das bin ich, dachte er. Bei ihm wechseln die Seiten, und er hat nicht einmal die Kontrolle darüber. Das könnte ich mir unter die Haut tätowieren, dachte er. Und jetzt, während er in der müden Novembersonne die dritte Strophe von Daniel Wirtz‘ Lied „Scherben“ aufsagt wie ein Nachtgebet, fällt ihm auf, dass es bei ihm inzwischen eigentlich drei Seiten gibt: Die manische, die depressive, aber auch die in der Mitte, die stabile. Die Normale, sagt Alex.

Alex ist bipolar. Das Wort haben ihm die Ärzte vor ein paar Jahren genannt und es sollte das beschreiben, was er bis dahin eigentlich für normal hielt, wenn er sich auf einmal zurückzog von allem. Dann war er krankgeschrieben und lag über Wochen wie mit einer Grippe im Bett, nur dass er eben keine Grippe hatte, auch kein Fieber. In diesen Wochen sprach Alex kaum, nicht einmal mit seiner Frau. Er rasierte sich nicht, wusch sich nicht, aß so gut wie nichts und stand nur auf, wenn er aufs Klo musste. Andere schlafen sieben Stunden in jeder Nacht, um sich zu erholen, dachte er, und er muss halt zwei Mal im Jahr für sechs Wochen die Batterien aufladen. Sechs Wochen im Bett. Dafür schläft er über Monate lang wenig, arbeitet für drei, und innerhalb von wenigen Stunden kann er Tausende von Euro für Dinge ausgeben, von denen er am nächsten Tag vergessen hat, dass er sie so dringend brauchte. Alex hat sich in den vergangenen 20 Jahren 14 Autos und fünf Motorräder gekauft. Das ist nur ein Beispiel. Einmal saß er im Wartezimmer einer Anwältin und wollte sehr dringend einen Hauskauf unterschreiben. Die Anwältin hatte erst einen Termin am nächsten Morgen, aber da stand er schon im Reisebüro und buchte eine Flusskreuzfahrt für 3.000 Euro. Das Haus war vergessen, zum Glück.

Es ist dann so, als hätte er innerhalb weniger Tage einen anderen Aggregatzustand erreicht. Die Depression ist flüssig, ruhig. Je näher Alex der Manie kommt, desto heißer wird das Wasser. Im Stadium der Hypomanie, also in der Zeit, in der die Manie nicht ganz so stark ausgeprägt ist, kocht es. Und dann steht er plötzlich unter Dampf. Er braucht seine Brille nicht mehr. Er hört besser. Er nimmt winzige Veränderungen in der Atmosphäre zwischen Menschen blitzschnell wahr. Und Kleinigkeiten können ihn in einen anderen Zustand befördern. Ein Stirnrunzeln. Ein Bus, der vor ihm abfährt. Anders gesagt: Alex ist dann wie ein Rennpferd, bevor die Box aufgeht. Er hat dann so einen Drang nach vorne.

Nur an den Reaktionen seines Umfelds hat Alex irgendwann bemerkt, dass etwas mit ihm anders ist. Da fragen die Leute, was ist denn mit dem los, was hat der denn genommen. Aber er hat ja nichts genommen. Nicht einmal Alkohol hat er getrunken, was andere Bipolare versuchen, um zur Ruhe zu kommen. Selbstmedikation, sagt Alex dazu. Auch gekifft hat er nicht.

Alex ist ein massiger Mann, 54 Jahre alt, hat ein Kind und eine Enkelin, Typ Türsteher, so sieht er sich selbst. Er ist aber keiner. Hinter der Brille große helle Augen in einem großen Gesicht. Großer Mund, der schnell redet und laut, und der lacht. Er trägt Turnschuhe mit leuchtenden Senkeln, Hosenträger und ein Armeehemd, mit dem Kinder Zelt spielen könnten. Vor all den dunklen, schmalen, rauchenden Silhouetten, die auf dem unregelmäßigen Kopfsteinpflaster vor den Kreuzberger Cafés zusammenstehen, wirkt er wie von einem anderen Stern. Aber das stört ihn nicht. Alex mag keine Konformität. So sagt er es auch. Massenkonformität, nicht sein Ding.

Bipolare Persönlichkeiten fallen oft auf. Und sie fallen gern auf. Sie werden als charismatisch beschrieben, kreativ, redegewandt. Vincent van Gogh war vermutlich bipolar, Virginia Wolf, Georg Friedrich Händel, Hermann Hesse und Winston Churchill. Zumindest lassen die Medikamente, die Churchill einnahm, darauf schließen. Seine Gewohnheit, sehr spät den Tag zu beginnen und bis spät in die Nacht durchzuarbeiten. Churchill sagte: Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter. Den Satz hat sich Alex eingeprägt. Der passt.

Alex ist in Ost-Berlin aufgewachsen. Der Sohn zweier Pädagogen, dem Vater saß die Hand locker. Vielleicht hat Alex deshalb gelernt, vorausschauend zu sein und sich zu organisieren. Er musste immer einen Schritt weiterdenken, um den Vater nicht zu reizen. Vielleicht war die Strenge zu Hause auch einer der Gründe, warum die Bipolarität bei ihm ausbrach. Die affektive Störung hat Untersuchungen zufolge physiologische Ursachen, die Botenstoffe im Gehirn funktionieren anders. Man kann die Krankheit in sich tragen, aber ein Leben lang nichts von ihr bemerken. Manchmal begünstigen bestimmte Umstände, dass sich die Krankheit zeigt. Das heißt aber nicht, dass sie auch diagnostiziert wird. Bei Alex hat man sie lange nicht erkannt.

Nach der Schule macht Alex eine Ausbildung zum Waffenmeister und geht dann zur Armee, Infanterie, Wachdienst. Als Unteroffizier auf Zeit ist er, wie er sagt, die „Mutter der Kompanie“ und hält den Laden zusammen. Für den Hauptfeldwebel plant er, organisiert er, setzt Befehle durch. Bei der Armee wird er gelobt. Bei der Armee spürt er Ordnung. Ordnung gibt Sicherheit. Er bleibt drei Jahre. Als er im Oktober 1989 dann ein Studium an der Humboldt-Universität beginnen will, Kriminalistik, fällt die Mauer. Seine Frau, die als Pianistin Eiskunstläufer begleitet hat, steht eines Tages in einer leeren Eishalle. Die Trainer sind in den Westen gegangen, die Eiskunstläufer verschwunden. Die Ordnung ist weg. Alles löst sich auf. Auch der Plan zu studieren.

Alex klatscht in die Hände, reibt sie aneinander. Es musste ja weitergehen, es war schließlich auch das Kind da, zwei Jahre alt. Zwei Mal im Jahr sechs Wochen schwarzer Sumpf, dann wieder grelles Licht. Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter.

Vor sechs Jahren, Alex leitet damals eine Niederlassung einer Firma, die Backmittel herstellt, fährt er mit seiner Frau und der fünfjährigen Enkelin in den Urlaub und hat eine Herzattacke. Seine Frau besteht diesmal darauf, mitzukommen zum Arzt. Und dann spricht nicht er, dann spricht sie. Am Ende schreibt der Arzt ihm zwei Rezepte auf. Eines für Tabletten gegen die Schlaflosigkeit. Und eines für einen Therapeuten. Natürlich ruft Alex da nicht an, was soll er mit einem Therapeuten?

Er nimmt die Tabletten, liegt im Bett und betritt einen kalten Sumpf. Er wünscht sich, zu versinken. Er wünscht sich, einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Aber so einen Suizid kannst du nur hinlegen, wenn’s funktioniert, sagt Alex. Würden die Tabletten reichen? Muss man vom 14. Stock springen oder doch besser vom 16.? Und wenn die S-Bahn bremst? So ein Suizid würde weh tun. Solche Gedanken hatte Alex. Jeder vierte Bipolare unternimmt mindestens einmal im Leben einen Suizidversuch. Nach zwei Wochen greift Alex doch zum Telefon und ruft den Therapeuten an.

November, Dezember, Januar. Drei Monate Psychiatrie, geschlossene, das ist kein Spaß. Diagnose: schwere Depression. Von der anderen Seite, der Manie, spricht keiner. Er bekommt Medikamente, die ihn aus der Depression holen. Sie machen ihm einen trockenen Mund. Ihm ist schwindelig. Er schwitzt. Die Ärzte sagen, nur Geduld, das wird schon, das ist normal. Er kommt von der Psychiatrie in die Reha. Das Schwierige an diesen Medikamenten ist: Sie brauchen Wochen, bis man ihre Wirkung einschätzen kann. Alex haben sie direkt in die Manie katapultiert. Meine erste komplett dokumentierte Manie, sagt Alex. Er klingt, als würde er eine köstlich amüsante Anekdote erzählen.

Seine Frau besucht ihn am Wochenende in der Reha. Sie sitzen beim Essen. Er scherzt und schäkert mit den anderen im Raum. Seine Frau weint. Es fällt ihm gar nicht auf. Er kauft im Internet ein, solange, bis die Damen an der Pforte der Reha ihn sanft darauf hinweisen, dass sie ja keine Paketstation seien. Er büxt in der Nacht aus und tobt durch die Bordelle in der Stadt. So erzählt es Alex. Das seien die Geschichten, über die man in der Runde herzhaft lacht, sagt er. Aber er schäme er sich tief dafür. Es ist wieder einmal wie in dem Lied von Daniel Wirtz. Denn irgendwie irgendwo und irgendwann rafft man dann, dass man sich im Grunde nur temporär verarschen kann.

Und heute? Alex hockt unter dem Christbaumkugelhimmel in einem Kreuzberger Café und spricht davon, wie er wieder Ordnung in sein Leben gebracht hat. Er ist gerade ausgezogen, mit seiner Frau gebe es klare Verhältnisse. Sie habe ja auch ein Recht darauf, glücklich zu sein. Er lebt von einer Erwerbsminderungsrente, arbeiten kann er derzeit nicht, er hat voll damit zu tun, das Gleichgewicht zu halten. Denn er hat gelernt, die Symptome für eine nahende Manie zu registrieren. Dann, wenn andere die Stirn runzeln, weil er laut spricht. Wenn der Nachbar klopft, weil er die Musik bis zum Anschlag aufgedreht hat. An diesem Novembermittag merkt Alex es daran, dass er seit zwei Tagen wieder wenig schläft, eine Stunde, vielleicht zwei, trotz der Medikamente, die ihm acht Stunden in der Nacht Ruhe schenken sollen. Jetzt weiß er, dass er schwimmen gehen sollte, statt um die Häuser zu ziehen. Ruhige Musik hören, statt Kid Rock. Das Lithium höher dosieren. Alex spricht, und er spricht schnell, er hört gar nicht mehr auf, und er lacht, die Stimme hat Kraft, viel Kraft, und der Kaffee in der Tasse ist längst kalt geworden.

Erschienen in Dummy. Das Gesellschaftsmagazin 12/18

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