Das Drama Aroma

Kann man mit Gerüchen genauso komponieren wie mit Tönen? Der Künstler Wolfgang Georgsdorf hat eine Duftorgel gebaut, mit der sich Geschichten erzählen lassen

 

Text: Carolin Pirich
Foto: Hannes Jung

Es ist Sommer, Mittagsgemütlichkeit am Kanalufer, ein leiser Wind bauscht die Blätter der Bäume auf und lässt wieder von ihnen ab, und das war’s dann auch mit der scheinbaren Unscheinbarkeit des Geruchssinns. Einmal die Aufmerksamkeit darauf gerichtet – schon kann man nichts verpassen. Biegt man in die nächste Straße, steigt Fauliges nach oben, Pisse, Gummi, setzt widerliche Moleküle auf die Schleimhäute. Man kräuselt die Haut über der Nasenwurzel, aber davon lassen sie sich nicht vertreiben. Bevor man ausmachen kann, woher das kommt, ist es wieder weg. Überlagert vom Eingangsbereich des Paket-Shops, der auch Aromen für Wasserpfeifen verkauft: Apfel, Kirsche, Kaugummi weiß, Mexican Beer. Es ist Sommer in Kreuzberg. Die Ladentüren stehen offen, man läuft durch Cafés, die ihr Inventar auf die Bürgersteige gestellt haben; die Gerüche flackern auf wie Blitzlicht. Kaffee, Gully, Kardamom, Zwiebel, Asphalt. Es gibt für Wolfgang Georgsdorf keinen besseren Ort und keine bessere Zeit als diese, um zu erklären, woran er seit 30 Jahren arbeitet und was er jetzt, endlich, einem großen Publikum zugänglich machen kann: eine Orgel, mit der er eine neue Form des Erzählens möglich machen will. Ein Erzählen mit Gerüchen. Ein Geruchsspaziergang anstelle eines Gesprächs bei einem Frühstücksei oder einem Kaffee oder so, sagte er zuvor am Telefon, ob man sich das vorstellen könne? Aber zuerst ist sie da. Eva Mattes, Georgsdorfs Lebensgefährtin, die Ende des Jahres zum letzten Mal als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum zu sehen sein wird. Sie tritt aus der Tür, in Schwarz und Weiß, rote Tupfer hängen an den Ohren. Sie kommt mit, weil sie riechend durch die Welt läuft, seit sie Wolfgang Georgsdorf kennt, wie sie sagt. Und weil sie trotzdem viel zu selten, die Nase in der Luft, durch ihren Kiez spaziere. Sie kommt mit, weil sie während Georgsdorfs Geruchsfestival „Osmodrama“, das bis Mitte September in Berlin andauert, aus einem Buch liest, während Schwaden am Publikum vorbeiziehen. Sie streckt die Hand aus, hallo, perfekter Händedruck. Zu ihrer Wärme gesellt sich die Gelassenheit ihrer Stimme. Der Sommer riecht nach Hitze und Weizenfeld, nach Balkon und Blumen, sagt Eva Mattes. Anders als der Herbst. Als sie 17 Jahre alt und gerade von München nach Hamburg gezogen war, habe sie zum ersten Mal bewusst diese Herbstfrische eingesogen. Wie das Licht mit einem Mal seine Farbe ändert, so ist es, als änderten die Blätter über Nacht ihren Geruch. Kurz bevor der Sommer geht, ist es, als könnte man schon Nüsse wahrnehmen und nasses Laub. Aber damals war Eva Mattes noch nicht mit Wolfgang Georgsdorf zusammen. Damals hatte sie gerade die Film-Menschen in Deutschland umgehauen mit der Rolle eines Vergewaltigungsopfers im Vietnamkriegsfilm „k.o.“, und Rainer Werner Fassbinder entdeckte sie für „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Es geht los, Nase hoch. Wolfgang Georgsdorf hat die Einkäufe in der Wohnung abgestellt und springt aus der Haustür auf den Bürgersteig. Sein Alter ist schwer auszumachen. Klar, das kurz geschorene verbliebene Haar und der Bart sind weiß, irgendwo jenseits der fünfzig wird es schon sein. Aber in Georgsdorfs Augen liegt ein ständiges Licht, wie es Kinder manchmal haben, und er geht nicht einfach: Er hüpft wie ein Flummi durch Kreuzberg, wo er seit 20 Jahren mit Eva Mattes lebt – von Tabakladen zu Dönerbude zu Bäckerei zur Bar. Dabei bleibt er immer wieder stehen, Hände hinterm Rücken, und dekliniert Gerüche. Hier: Muff. Da: Räucherstäbchen. Und, bitte, bitte, etwas schneller – da vorne der Whiskyladen und das Hallenbad. Das sei die Simulation seines Smeller 2.0, der Geruchsorgel, erklärt Georgsdorf. Wie ein Film durch Bilder Bewegung durch einen Raum simuliert, erzeugt der Smeller Raumbewegung durch Gerüche. Zurzeit steht Georgsdorfs Geruchsorgel in der St.-Johannes-Evangelist-Kirche in Berlin-Mitte: ein umgekippter Riesenkrake aus 64 Plastikrohren. Wie eine Orgel hat er Tasten, aber anstatt Töne steuern sie Gerüche an. Wenn etwa in einem Heimatfilm von Edgar Reitz ein Pferd über die Leinwand galoppiert, schickt der Smeller ein Pferdeodeur in den Raum, und die Zuschauer machen „Ahhh!“. Zudem gibt es Geruchskompositionen ohne Bilder. Autocomplete heißt eine dieser „Synosmien“. Wie bei Musikstücken kann man sich nach Dissonanz (alter Fisch, Stinkekäse, Raubtierkäfig) auf Auflösung freuen (Kaffee, Kakao, Orange). Wobei jeder Mensch verschiedene „Glücksgerüche“ habe, sagt Georgsdorf. Seiner sei Heu. Vor dem SO36 glänzt ein Band-Bus in der Sonne. Georgsdorf bleibt stehen, weil er einen geschnitzten Totenkopf hinter der Windschutzscheibe bestaunt. Da zieht durchs Metallgitter hindurch der Tagesgeruch des Nachtclubs. Georgsdorf zerlegt ihn in seine Bestandteile: kalte Asche, durchtränkte Polster, abgestandenes Bier, Metall, Elektrogeräte, Linoleum. Überhaupt Fußböden macht Georgsdorf immer wieder aus. Selbst in einem Kreuzberger Bioladen, der auf Verpackungen weitgehend verzichten will, nimmt man einen Reformhausgeruch wahr, ein Geruch nach, nach . . . Linoleum, sagt Georgsdorf. Ganz einfach. Es geht hier um die Dringlichkeit, mit der sich Georgsdorf Gedanken darüber macht, wie unterschiedlich auch so etwas Profanes wie Fußboden riechen kann. Wolfgang Georgsdorf wuchs im oberösterreichischen Linz auf, bei den Großeltern. Diese, beide Chemiker, hatten kein Problem damit, dem Jungen allerhand Tabletten zu überlassen mit der strengen Auflage, diese nie zum Mund, nur an die Nase zu führen. Daran hielt er sich. Er roch an ihnen, zerstieß und verrührte sie, bannte ihren Geruch in Fläschchen. Überhaupt sammelte der junge Georgsdorf Gerüche in Flaschen und nutzte sie wie andere Farbpaletten. Bald begann er, die erste Version seiner Geruchsorgel zu bauen. Er träumte davon, mit Gerüchen zu komponieren wie mit Tönen. Und davon, Filmen zum Sound-Track einen Scent-Track hinzuzufügen. Geruchskino also. Versuche in die Richtung gab es auch von anderen. Gescheitert sind sie schon an dem Problem, die Schwaden wieder abzuziehen. Irgendwann hatten sie sich dann überlagert, bis Gestank entstand. Und kotzen will ja niemand. Gestank. Das Wort kommt nie aus Georgsdorfs Mund. Es riecht vielleicht, präzise, nach Kot oder, unpräziser, nach Müll. Georgsdorf bevorzugt auch nicht Wohlgerüche wie Geza Schön, einer der weltweit gefragtesten und einer der wenigen selbständigen Parfümeure. Er stellt für den Smeller Gerüche her und befand einmal, Berlin-Neukölln röche nach Orient und Waschmittel. Interessant dabei war der Gedanke, dass Menschen aus sozial schwächeren Milieus offenbar mehr nach Waschmittel röchen als andere, und die Frage danach, ob sie so womöglich einem Geruchsstigma entgegenwirken wollten? Georgsdorf ist auch kein Geruchsforscher wie der Biologe Hanns Hatt, der herausfindet, wieso Frauen um den Eisprung herum andere Männer bevorzugen können als den an ihrer Seite und weshalb Beziehungen scheitern können, wenn Frauen die Pille absetzen, um ein Kind zu bekommen (es soll sich ihre Geruchsvorliebe ändern). Georgsdorf will keine Depressionen mit Motoröl- oder Lavendelaromen therapieren wie etwa ein Psychologe aus Erlangen. Und er sucht auch nicht nach einer Möglichkeit, die Erinnerung an einen geliebten Menschen nach dessen Tod in einem Flakon zu konservieren, wie es offenbar kürzlich einer Französin gelungen ist. Die ist seitdem darum bemüht, ihr Rezept geheim zu halten und zugleich ihre Idee zu vermarkten, damit man nur bei ihr für 599 Euro aus der Kleidung des Lieblingsmenschen ein Parfum herausdestilliert. Wolfgang Georgsdorf vermarktet nicht. Er wertet und bewertet nicht. Er will mit Gerüchen erzählen, weil man eben mit Gerüchen erzählen kann und weil das sonst noch keinem überzeugend gelungen ist. Fragt man noch ein wenig aufdringlicher nach dem Warum, weil man sich das so angewöhnt hat, dass alles Tun irgendwie zielgerichtet sein muss, sagt er, ein Gimmick sei das nicht, der Smeller, nein, keine vorübergehende Sensation. Dann schweigt er, leuchtet sein Georgsdorf-Leuchten. Man biegt gemeinsam vom Kottbusser Tor in die Oranienstraße. Die Nasenflügel zittern, die Geruchserkundung Kreuzbergs nimmt Fahrt auf. Curry, zack, Auspuff, weg, Marihuana, Bratfett, Blumen, Lack, Asche, wieder irgendein Gewürz, Fußboden, feuchter Beton. Ein Krankenwagen rast vorbei, schaltet das Martinshorn an. Eva Mattes hält sich vielleicht mal die Ohren zu, bei der Nase würde sie das heute nicht mehr tun. Sie hat von Georgsdorf gelernt, sich nicht an Gerüchen zu stören. Sie habe von ihm sogar gelernt, der Form von Flecken etwas abzugewinnen. Allerdings, stellt sie jetzt mit sanfter Stimme fest, könnte er von ihr lernen, sich nicht am Regen zu stören, der leicht einsetzt und ihm einen unwirschen Laut entlockt. Bevor Eva Mattes Wolfgang Georgsdorf traf, arbeitete sie mit Fassbinder und Zadek, war mit Werner Herzog zusammen. Große Herren, älter als sie. Einmal sprach sie in einem Interview über „Egozentriker“, aber damit meinte sie nicht Georgsdorf, den Vater ihres zweiten Kindes. Der habe sich gern Zeit für die Familie genommen. Wenn man sie fragt, wo sie einander begegnet sind, der Künstler und die Schauspielerin, tauschen sie Blicke. Sie sagt: am Meer. Er sagt: Da hat man gleich ein falsches Bild. Das klingt zu glamourös. Sie sagt: am Meer in Griechenland. Er sagt: Die Geschichte ist kompliziert . . . Sie sagt: Es roch nach Salz und Sand. Er: schweigt. Bevor Eva Mattes Wolfgang Georgsdorf traf, hatte sie sich durch alle tiefen, edlen Guerlain-Düfte gesprüht. Einmal hatte sie ein Parfum sogar für eine Rolle genutzt. Für die Königin im Hamlet. Sie war jung, aber Peter Zadek wollte, dass sie beim Theaterpublikum den Eindruck einer Fünfzigjährigen hinterließ. Also kaufte sie ein Parfum, sie weiß noch, wie es hieß, Bal à Versailles von Jean Desprez, rieb damit den nackten Oberkörper ein. Und zog den Duftschweif zwischen die Zuschauerreihen. Seitdem die österreichische Schauspielerin Mattes mit dem österreichischen Künstler Georgsdorf zusammen ist, hat sie immer seltener Parfum angelegt. Vor gut 15 Jahren hat sie ganz damit aufgehört. Man würde damit den Geruch von Haut und Haar abdecken wie mit einem Schleier, sagt sie. Georgsdorf sagt etwas wie „Geruchsburka in einer osmophoben Gesellschaft“, aber selbst das klingt nicht nach Urteil. Er bleibt stehen, greift seine Hosenträger und lässt eine Gedankenkette folgen über Geruch, dem sich keiner verschließen könne. Geruch, vor dem die Menschen Angst haben, weil er eindringt und man ihn nicht mehr wegkriegt. Daher vernebelten sich die Leute mit Deos und Parfums. Sie bedeckten ihre olfaktorische Nacktheit. Vielleicht, sagt Georgsdorf dann, die Frage nach dem Warum noch einmal aufnehmend, vielleicht helfe seine Geruchsorgel der Wahrheit auf die Sprünge. Am Ende, als das Paar unter einer Platane stehen bleibt, die kurz vor einer unübersichtlichen Kreuzung ihre mächtigen Äste über den Asphalt ausbreitet, als man sieht, wie sie nach einem Blatt greift und er für sie Geruchsbestandteile des Baumes dekliniert (Melone, Gurke), da löst sich die Frage nach dem Warum in Gegenwart auf, und man ist vollkommen einverstanden.

Süddeutsche Zeitung, Wochenende, 3. September 2016

Im Herbst ist es, als änderten die
Blätter über Nacht ihren Geruch.
Man ahnt Frische, Nässe, Nüsse
Der Smeller 2.0 Die Geruchsorgel besteht aus 64 Quellkammern, in die der Künstler Wolfgang Georgsdorf und der Parfümeur Geza Schön Dinge legen, die auf elektronischen Tastendruck ihren Geruch in den Raum abgeben. Das können natürliche Öle sein, synthetische Duftstoffe oder auch „analoge“ Geruchsstücke wie ein toter Fisch, wenn das am besten den Fischgeruch erzeugt, den Georgsdorf sich vorstellt. 64 Plastikrohre lassen den Smeller wie einen umgekippten Riesenkraken aussehen, verteilen aber die Gerüche zu einem „Hauchmaul“, das sie ausstößt und am Publikum vorbeiziehen lässt. Georgsdorf bezeichnet den Smeller auch als Weltmalkasten, ein Werkzeug, mit dem er Welt durch Gerüche malt. So kann man nasse Erde riechen, Heu oder Raubtierkäfig, Pfefferminze, Kaffee oder Handelshafen. Verschiedene Gerüche zusammen ergeben einen Akkord. Das Geheimnis des Smellers ist ein Zelt samt ausgeklügelter Abzugstechnik, die verhindert, dass sich Gerüche überlagern und Übelkeit erzeugen.

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