Musik ist tönend bewegte Form, sagen die einen. Musik erzählt vom Leben, sage ich. In den Klassiksplits auf Radio3 vom RBB erzähle ich je eine Geschichte, die mit einem Musikstück zusammenhängt. Von unglücklicher Liebe und unerfüllter Sehnsucht, vom Lärm des Kanonendonners, in dem trotzdem Klänge voller Frieden entstehen, oder davon, dass der Komponist erst eingesperrt werden musste, damit er das Stück endlich fertigstellt.
Sie gibt es jeweils frisch zum ersten Mal montags am Morgen auf Radio3 um 9:40 Uhr, dann floaten sie durchs Programm bis hin auf zum Beispiel diesen Podcast-Kanal: Klick.
Hier folgt eine Auswahl. Schreibt mir gern, wenn Ihr Euch bestimmte Klassiksplits wünscht
Klassiksplit Folge 48 – Bartók, Schostakowitsch und Lehárs Lustige Witwe
Manchmal zeigt sich Widerstand nicht in Worten, sondern in Noten: Zum Beispiel in einer Operetten-Melodie, die sich in einem Orchesterstück wiederfindet, verzerrt und bis zur Parodie aufgebläht. Zum Beispiel diese Melodie vom Operettenkomponisten Franz Lehár, die in Schostakowitschs Leningrader Sinfonie steckt, und die sich wiederum in Béla Bartòks Konzert für Orchester findet – wie eine Art Melodie-Matroschka. Klick
Klassiksplit Folge 16 – Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen
Im 21. Jahrhundert haben wir allerhand Arzneien und Techniken, um mit uns, unseren Körpern und der Welt klarzukommen. Zur Unterstützung (oder Abmilderung) verschiedener Gemütszustände wird unter anderem nach wie vor Musik konsumiert. Sehr individuell gehandhabt.
Im 18. Jahrhundert schon haben Menschen der Musik vor allem zur „Gemüths-Ergötzung“ eine tragende Rolle zugeschrieben – als Mittel gegen trübe Gedanken sind die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach entstanden. Klick
Klassiksplit Folge 13 – Fanny Hensel, Abschied von Rom
Fanny Hensel schickt dem Musikverleger Hans Hauser Noten von sich und formuliert im Anschreiben an ihn: „Ein Dilettant ist schon ein schreckliches Geschöpf, ein weiblicher Autor ein noch schrecklicheres, wenn aber beides sich in einer Person vereinigt, wird natürlich das allerschrecklichste Wesen daraus.“
Worte, die man sich heute vielleicht höchstens mit einem ironischen Unterton vorstellen kann. Damals aber zeigen sie, dass Fanny sich als Komponistin selbst nicht über den Weg traut.
Allerdings schickt sie Musik mit, die was ganz anderes zeigt. Sie zeigt, dass sie mit dem Talent ihres Bruders mitgehalten hat, dem Talent ihres Bruders Felix Mendelssohn Bartholdy. Fanny Hensels „Abschied von Rom“ etwa klingt so waghalsig und neu, dass man auf die Idee kommen kann, manchen berühmten ihrer komponierenden Zeitgenossen war es sehr recht, dass damals nur wenig von ihr bekannt war.
So wäre es zumindest nicht so leicht aufgedeckt worden, hätten sie zum Beispiel von ihr abgeschrieben. Nur eine Vermutung, natürlich. Klick
Klassiksplit Folge 2 – Der Tristanakkord
Kunst und Kiffen – das hängt nicht nur seit den Stones zusammen. Richard Wagner zum Beispiel soll auch ordentlich indischen Hanf konsumiert haben, auf Empfehlung des Philosophen Schopenhauer. Wagners Hausangestellte erinnerte sich später an die dichten Rauchschwaden im Komponierzimmer, nachdem Wagner gearbeitet hatte, ihr sei selber ganz schwummerig davon geworden. Inzwischen weiß man, dass Kiffen die Kreativität eher hemmt als fördert – und trotzdem hat Wagner dann eine Oper komponiert, die bis heute geheiligt wird. Tristan und Isolde. In dieser Oper hat er Sehnsucht in einen Akkord gefasst, den Tristan Akkord. Er ist wie das Vorspiel zu einem Orgasmus, der nicht kommt. Klick
Klassiksplit Folge 10 – Valentin Silvestrov, Maidan 2014
Der ukrainische Komponist Valentin Silvestrov hat ein Leben lang dem Druck widerstanden, sich anzupassen, zu Sowjetzeiten ebenso wie in jüngerer Zeit. Er will sich nicht vorschreiben lassen, wie die Musik eines zeitgenössischen Komponisten zu klingen habe. Der Rummel, der seit zwei Jahren um seine Musik gemacht wird, so sieht er es wahrscheinlich, hat mit der Musik an sich gar nichts zu tun. Sie ist ja genauso geblieben, wie sie war, nur die politische Lage hat sich verändert.
Im März 2022, kurz nach der Invasion der russischen Armee in die Ukraine, Silvestrov ist damals 84 Jahre alt, hat ihn seine Tochter überredet, mit ihr und ihrer Tochter, Silvestrovs Enkelin, aus Kiew zu fliehen. Dort, in Kiew, ist acht Jahre zuvor, 2014, Silvestrovs Komposition Maidan 2014 entstanden. Musik für Chor. Davon erzählt Carolin Pirich heute im Klassiksplit. Klick
Klassiksplit Folge 39 – Frederic Rzewski, The People United
Musik lässt sich ohne Text selten auf eine Aussage hin festklopfen. Aber die Melodie, auf die der Komponist und Pianist Frederic Rzewski (Sprich: Schewski) vor 50 Jahren ein langes und virtuoses Variationswerk für Klavier komponierte, war und ist so bekannt, dass man den Text, der zu ihr gesungen wurde, kaum ignorieren kann – sollte man das wollen: Das chilenische Revolutionslied The people United will never be defeated. Ein Protestlied gegen Diktatoren. Das Klavierwerk von Rzewski befragt den Text eingehend. Klick
Klassiksplit Folge 18 – Ludómir Różycki, Violinkonzert
Fryderyk Chopin wird wohl der erste Name sein, der den meisten hierzulande einfällt, wenn sie nach Komponisten aus Polen gefragt werden. (Die meisten werden den Namen allerdings in französischer Anmutung aussprechen.) Aber: Ludómir Różycki (Ro-J – (Aussprache J, wie in Journal) -i-tski, Ludooomir) kennen dagegen wenige. Klar, Chopins Musik stellt die der meisten anderen ohnehin in den Schatten. Aber wer den Namen Ludómir Różyckis nie gehört hat, kann den Grund auch darin finden, dass Nazi-Deutschland vor 85 Jahren mit dem Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg begonnen hat. Gezielt sollte die Intelligenzia vertrieben und ermordet werden. Auch viele Noten wurden zerstört. Nach dem Krieg wollte man in Polen dann erstmal eine Weile andere, modernere Musik hören – jedenfalls: nicht zurückschauen. Ludómir Różycki lebte während der deutschen Belagerung in Warschau, zurückgezogen in einer Villa im noch nicht zerstörten hübschen Stadtteil Zoliborz und komponiert dort Musik wie aus einer anderen Gegenwart: Sein Violinkonzert. Klick