Wie ein Geist

Der Pianist Igor Levit hat während des Lockdowns 53 Konzerte gestreamt, meist aus seiner Wohnung, Hunderttausende haben zugesehen. Er beschreibt diese Zeit als einen absoluten Tiefpunkt – und denkt doch manchmal wehmütig an sie zurück. Von Carolin Pirich und Britta Stuff

Igor Levit willigt im März ein, sich begleiten zu lassen während der Konzerte, die er von seinem Wohnzimmer aus gibt. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass er damit großen Erfolg haben wird, auch nicht, dass er schon bald sagen wird, er fühle sich komplett entseelt. Er ahnt nicht, dass am Ende vieles anders sein wird, für seine Branche, für ihn.

Zu Hause

12. März, Ludwig van Beethoven, Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53

Der erste Satz der Klaviersonate Nr. 21 in C-Dur op. 53, genannt »Waldstein«-Sonate, beginnt mit einem immer wieder angeschlagenen C-Dur-Akkord, ein schneller Puls, der klingt, als würde die Zeit davonrennen.

Seit ein paar Tagen ist die Welt stiller, als Igor Levit zu Saturn am Alexanderplatz fährt, ein Stativ kauft, dazu eine Halterung für sein Handy, alles zusammen für 24 Euro. Er hat an diesem Tag getwittert, dass er am Abend auftreten wolle, er schrieb: »Das Publikum, das seid Ihr alle. Ich werde ab heute Abend, 19:00, wann immer ich kann, für Euch von meinem Zuhause aus, spielen. Per Livestream.«

Um 19 Uhr setzt er sich hin, an seinen Flügel, der in seiner Wohnung steht und den er Edwin nennt, weil er früher mal dem Pianisten Edwin Fischer gehörte, und auf den er wahllos ein paar Bilder gestellt hat und einen Preis, den er mal bekommen hat. Er spielt die »Waldstein«-Sonate. Sie gilt als Levits Meisterstück und ist auch deshalb besonders, weil man in ihr erste Übergänge der Klassik in die Romantik erkennen kann. Sie öffnet einen Raum, den zur Zeit ihrer Entstehung noch niemand kannte.

Als er fertig ist, haut Levit mit der Faust auf den Klavierhocker, steht auf, geht Richtung Stativ, das Bild wird schwarz.

23. März, Beethoven, Klaviersonate Nr. 31 As-Dur op. 110

Er hat inzwischen elf Konzerte gegeben, jeden Abend um 19 Uhr, nur als die Kanzlerin am 18. März im Fernsehen sprach, begann er etwas früher. Er hat Beethovens »Appassionata« gespielt, Schumanns große Klavierfantasie, Schostakowitschs Klaviersonate in h-Moll. Er hat manchmal das Arrangement auf dem Flügel verändert, hat immer auf seinem Hocker gesessen und ein paar Sätze zu den Stücken gesagt, die er ausgesucht hat, erst auf Deutsch, dann auf Englisch, meist in Jogginghose und Hausschuhen. Einmal beschrieb er den Satz einer Beethoven-Sonate: Es sei, als würde er einen in den Arm nehmen, und für einen Moment sei alles okay. Einmal wählte er eine Chaconne von Bach in der Bearbeitung von Brahms, weil sie »voller Trauer sei«, aber mittendrin »Trost spendet«.

Es gibt in der Musik ein Zeichen, die Fermate, sie wird auch Corona genannt, weil sie ein wenig wie eine Krone aussieht: ein Bogen mit einem Punkt darunter. Über eine Note gesetzt bedeutet sie, dass die Note länger gehalten werden soll, ohne Note ist sie ein Pausenzeichen. Wie lange diese Pause dauern soll, ist dem Interpreten überlassen.

Es ist, als stünde über der Welt in diesen Tagen eine Fermate. Die Menschen sind nach Hause gekommen, die Schulen wurden geschlossen, die Restaurants, die Friseursalons und die Konzerthäuser. Die Straßen sind leer, die Polizei patrouilliert durch die Parks. Alle, egal ob Künstler oder Steuerberater, sind auf sich zurückgeworfen.

Levits Leben ist in den vergangenen Jahren abgelaufen, als hielte jemand die Vorspultaste. Er ist mit 33 Jahren einer der bekanntesten deutschen Pianisten. Die Musikkritikerin Eleonore Büning schrieb schon vor zehn Jahren über ihn, er habe nicht nur »das Zeug dazu, einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden«, er sei es schon.

Er hätte in diesen Tagen beim Heidelberger Frühling spielen sollen, in Rom mit dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, er wäre nach London geflogen, um mit dem London Philharmonic Orchestra aufzutreten, dann nach New York, um in der Carnegie Hall zu spielen. Er hätte die »Hammerklavier«-Sonate gespielt und Busonis Klavierkonzert. Man hätte ihm applaudiert, und bald schon wäre er weitergereist, zu einer anderen Bühne, einem anderen Stück, einem anderen Applaus.

Seine Wohnung in Berlin-Mitte ist luftig und groß. An den Wänden stehen Zimmerpflanzen, im Zentrum des Wohnzimmers trocknet die Wäsche. Daneben, am Rand, der Steinway-Flügel. Eine hohe Flügeltür führt in einen kleineren Raum mit Schreibtisch und Regalen, auf dem Boden hat er sorgfältig Bücher gestapelt, er will sie sortieren. Er lebt allein hier.

Es ist 18:30 Uhr, er öffnet die Tür und führt in seine Küche, er läuft vor, er sagt: »Das ist der totale Clusterfuck.«

Er sagt, er habe heute gemacht, was viele in diesen Tagen tun, er war einkaufen. Er war bei Metro, viele Regale waren leer. Er öffnet seine Küchenschränke, er zeigt Reis und Nudeln, er zeigt Kochbücher, die aussehen, als wären sie nie aufgeschlagen worden, Klopapier habe er keins gebraucht, er habe nachgeschaut, er habe 58 Rollen.

Er sagt, er habe seit heute auch einen Fernseher. Er spricht das Wort Fernseher aus, als wäre es eine ansteckende Krankheit.

Er sagt, dass er 17 Jahre lang keinen Fernseher gehabt habe, er habe keinen gewollt und keinen gebraucht. Jetzt habe er gedacht, vielleicht müsse er mal Nachrichten sehen, als habe er es vorher nicht nötig gehabt, die Welt in sein Wohnzimmer zu holen.

Er sagt: »Das ist der absolute Tiefpunkt.«

Er füllt Cognac in Gläser.

Wenn man ihn fragt, warum er die Hauskonzerte gebe, sagt er, er könne doch nicht einfach nur zu Hause rumsitzen.

Um kurz vor sieben montiert er zwei Handys auf zwei Stative, eins für Instagram, eins für Twitter, und spielt die Klaviersonate, über die er sagt, im Zentrum stehe »die Idee des Lebenswillens«.

30. März, Beethoven, Klaviersonate Nr. 18 Es-Dur op. 31

Er hat einen YouTube-Kanal eingerichtet und ein Video hochgeladen, man sieht ihn, wie er mit dem Rücken zur Tastatur Billy Joel spielt. Er sagt, körperlich gehe es ihm so gut wie nie. Er habe zwei Jahre lang unter Kopfschmerzen gelitten, wegen Überlastung. Die seien jetzt weg. Er hat eine Kuchenform gekauft, ein Rührgerät und einen Bräter.

350 000 Menschen haben insgesamt das erste Konzert vom 12. März gesehen, auch die Konzerte danach hatten Zehntausende Zuschauer. In den Kommentaren schreiben sie, dass sie sich über jede einzelne Note freuen, und posten Herzen. Es scheint, als wäre die Musik in einer Zeit, in der man sich nicht anfassen darf, eine der wenigen Möglichkeiten, gemeinsam etwas zu erleben. Etwas, das berührt, ohne dass man sich berühren muss.

Levit hat ausgerechnet, er könne etwa 100 Abende lang spielen, so lange reiche sein Repertoire. Beethoven hat 32 Klaviersonaten geschrieben, die kann er schon mal, er hat sie im vorigen Jahr auf CD eingespielt, 2020 ist Beethoven-Jahr, und Levit gilt als Beethoven-Pianist. Hinzu kommen Bach, Brahms, Schubert, Liszt, Mozart, Mussorgski, Rzewski und andere. 100 ist eine hohe Zahl für einen klassischen Pianisten.

Er sagt, es gebe wunderbare Dinge an den Hauskonzerten, Dinge, die er beibehalten wolle. Dass man diese alberne Konzertkleidung nicht mehr tragen müsse. Dass man mittags entscheiden könne, was man abends spielen will, dass man nicht spielen müsse, was zwei Jahre zuvor mit einem Veranstalter abgesprochen wurde. Er sagt, er wisse auch, dass die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus wichtig seien.

Da sei aber auch die andere Seite. Ihm sei aufgefallen, dass er allein sei wie viele andere Menschen derzeit auch, besonders an den Rändern des Tages. Er wache morgens allein auf und schlafe abends allein ein.

Der Tag fühle sich dann an wie Strampeln an der Oberfläche, als würde man sehr bald untergehen. Die Hauskonzerte seien gerade das Einzige, was seinem Tag Struktur gebe und ihm Halt.

Er nimmt Tabletten gegen die Schlaflosigkeit, morgens wacht er unruhig auf, er setzt sie wieder ab. Er träumt von früheren Trennungen.

2. April, Beethoven, Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53

Nach der Veröffentlichung der »Waldstein«-Sonate sagten Kritiker zu Beethoven, sie sei zu lang, und Beethoven tauschte den zweiten Satz aus. Die neue Mitte des Stücks ist nun kurz, so unscheinbar, dass man genau hinhören muss, um sie überhaupt als eigenen Satz zu erkennen.

Auf der Website des Bundespräsidenten steht an diesem 2. April: »In seiner heutigen Videobotschaft geht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auch auf die schwierige Lage vieler Künstlerinnen und Künstler ein, die derzeit nicht auftreten können. Der Bundespräsident hat den Pianisten Igor Levit dazu eingeladen, sein tägliches Livestream-Konzert heute Abend in Schloss Bellevue zu spielen. Die Begrüßungsworte des Bundespräsidenten und das Konzert von Igor Levit werden um 19.00 Uhr auf Instagram gestreamt.«

Es ist Levits 20. Hauskonzert, er trägt zum ersten Mal Jackett.

Steinmeier sagt: »Wenn wir morgens aufwachen, dann erkennen wir unsere Welt zwar wieder, aber sie scheint doch seltsam unwirklich.«

5. April, Peter Tschaikowski, »Die Jahreszeiten« op. 37b

Es ist Nachmittag, es ist warm, die Sonne scheint, und Levit steht in seinem Arbeitszimmer. Corona hat die Häuser und Wohnungen vieler Menschen neu geordnet, auch die Wohnung von Levit. Er hat die Bücher dem Alphabet nach in die Regale einsortiert, auf dem Boden liegt noch ein Stapel: Z passt nicht mehr rein.

Er fragt: »Oder soll ich Z einfach wegwerfen?«

Er sagt, er freue sich, dass die Menschen die Hauskonzerte so lieben, aber er brauche sein Leben zurück.

Man muss, um Levits Streamingerfolg zu verstehen, ein wenig zurückgehen. Levit, der knapp 100 000 Follower bei Twitter hat, mehr als 30 000 bei Instagram, twittert seit Jahren, manchmal über Musik, oft über Politik. Er twittert für Seenotrettung, er twittert gegen Rassismus, er wird wütend, wenn es um Trump geht. Levit ist es wichtig, auch außerhalb der Musik sichtbar zu sein, er sagte über sich selbst, dass er nicht nur der Mann sein will, der die Tasten drückt. Es ist nicht sehr verbreitet, dass sich klassische Musiker zu Politik äußern. Vor allem ist es nicht selbstverständlich, dass ein klassischer Musiker so viele Follower hat.

Levit hat viel Hass dafür abbekommen, manche finden ihn nervig, zu präsent, für andere ist er jemand, der zu sehr und zu oft betont, dass er auf der richtigen Seite steht.

In der Corona-Zeit hat Levit aufgehört, über Politik zu twittern, er sagt, es fühle sich falsch an. Doch das neue Ich ohne Gegenwind fühlt sich auch falsch an.

Bei einem Spaziergang draußen bleibt er oft stehen, er sagt Sätze wie: »Ich bin doch nicht nur der Trost-Igor.«

Oder: »Ich bin nicht der Bundespianist.«

Er sagt, das sei jetzt der absolute Tiefpunkt.

10. April, Paul Dessau, »Guernica«

Die Katastrophen der Welt beginnen oft mit einem Knall, dann wird es leise. Corona begann direkt mit Stille.

Der kleine Park vor Levits Haus ist mit Absperrband umzäunt, der Wind zieht daran und bläst Papiertaschentücher über die Wiese. Die Straßen sind verlassen, hinter den meisten Fenstern brennt Licht. Eine Stimmung wie an Heiligabend.

Als das Hauskonzert gegen 19.20 Uhr beginnt, dringt die Musik durch die geschlossenen Fenster auf die Straße. Levit spielt ein scharf klingendes Zwölftonklavierstück, es handelt von dem spanischen Ort Guernica, der 1937 nahezu komplett zerbombt wurde.

Jede Katastrophe hat ihre Musik, es gibt immer jemanden, der versucht, die Stille auszufüllen, manchmal mit neuen Kompositionen, manchmal mit etwas, das schon vorher da war.

In der Corona-Zeit sehen einen Künstler aus ihrem Wohnzimmer an. Die Rolling Stones, Billie Eilish, Lady Gaga und Taylor Swift traten bei einer Onlinebenefizshow auf, der International Opera Choir aus Rom sang virtuell den Gefangenenchor aus Verdis »Nabucco«, lauter Kästchen auf dem Bildschirm, jedes ein Musiker, allein.

20. April, Ronald Stevenson, »Passacaglia on DSCH«

Der Flügel steht jetzt mitten im Raum, Levit hat ihn am Tag aus der Ecke rausgeschoben. Er sagt, ihm sei langweilig gewesen.

Er telefoniert, es geht um die Lage der Künstler. Er sagt in den Hörer: »Du musst den Leuten doch eine Perspektive geben, sonst gehen die in die Depression.«

Der Berliner Kultursenator hat vor Kurzem verkündet, dass es Lockerungen für Konzerthäuser in nächster Zeit nicht geben werde, die Musik ist in der Reihe der Systemrelevanz unten eingeordnet worden, als wäre Kunst Stuck, auf den man verzichten kann.

Levit brüllt ins Handy: »Wo bin ich gerade? Ich bin auf einer Konzertreise und spiele gleich, du Penner.«

Er sagt: »Heute ist der absolute Tiefpunkt.«

Er habe zum ersten Mal einen Schokokuchen gebacken und versucht, mit Puderzucker einen Davidstern draufzustreuen. Der sei gut gewesen. Aber der Rest.

Er fragt: »Alles wird neu verhandelt gerade, zu was wird die Kultur erklärt? Zu Entertainment, das man auch abschalten kann.« Er sagt: »Wer hält mich eigentlich davon ab, da draußen mein Klavier hinzustellen? So schnell kann die Polizei gar nicht kommen.«

Er sagt, manche würden ihm vorwerfen, er habe ja genug Geld, er sei ja ein Star, er habe es leicht und könne einfach so Hauskonzerte geben. Aber die anderen? Die können ihre Miete nicht zahlen.

Klassische Künstler verdienen ihr Geld nicht mehr mit CDs, sie brauchen Auftritte. Fast alle Musiker bangen derzeit um ihre Existenz, es geht nicht nur der Klassik schlecht, auch den Jazzmusikern, den Popsängern, den Chören. Für das Streaming von Konzerten gibt es bislang kein Geschäftsmodell.

Levit sagt, er wisse, dass er es leichter habe, weil er sich finanziell keine Sorgen machen müsse. Er sagt: »Aber auftreten darf ich auch nicht. Und eine Perspektive habe ich auch nicht.«

Er spielt die rund 90-minütige »Passacaglia«, sie verlangt, dass der Pianist sich manchmal vorbeugt und mit den Händen in das Herz des Flügels greift, um dort die Saiten anzuschlagen. Die Sonne geht unter, als er fertig ist, sitzt er im Dunkeln.

27. April, Max Reger, »Variationen und Fuge über ein Thema von Johann Sebastian Bach« op. 81

Er hat inzwischen gekauft: einen Grill, Balkonmöbel und eine Kücheninstallation, von der Pfannen herabhängen. Für sein Fahrrad will er eine goldene Kette.

Er schlingt die Arme um seinen Oberkörper, als würde er sich selbst umarmen. Er sagt, er habe sich von manchen Menschen inzwischen getrennt. Eine Freundin habe gesagt, er dürfe sich keine Konzerte wünschen, die Menschen könnten sich schließlich anstecken und sterben. Tote applaudieren nicht, habe sie gesagt.

Reger ist ein Komponist, der Kontrolle liebt, er legt genau fest, wie die Noten gespielt werden sollen. An diesem Abend klingen sie wie eine Tracht Prügel.

15. Mai, 2Pac feat. Dr. Dre, »California Love«

Die Welt öffnet sich langsam wieder, und Levit hat die letzten Hauskonzerte gespielt, darunter Bachs Goldberg-Variationen, bei denen der Anfang nach 30 Variationen wiederkehrt, genau die gleichen Noten, die doch anders klingen.

Er sagt, er habe irgendwann gemerkt, dass er sofort nach der Aufnahme wissen wollte, wie viele Leute zugeschaut haben. Da habe er gewusst, es ist vorbei. Es wird noch ein Konzert geben, 20 Tage später, weil er es vermisst haben wird. Es wird dann bei 53 Hauskonzerten bleiben.

Er sitzt in seiner Küche und sagt, er sei so müde.

Er hat wieder begonnen zu reisen, vor zwei Wochen war er in Hannover.

Er sagt: »Das war der absolute Tiefpunkt.«

Es war der 70. Geburtstag der NDR Radiophilharmonie. Er spielte Mozart in einem leeren Saal, vor Kameras, ein Stream-Konzert. Er sagt, in einem leeren Saal zu sitzen und sich einzuspielen sei eigentlich total geil, wenn man wisse, dass der Raum später noch seine natürliche Funktion erfüllen werde. Levit sagt, jetzt sei das ein Raum gewesen, der entseelt war.

Levit sagt, er lebe in einem Moment vollkommener Verzweiflung und Verlorenheit. Er sagt: »Ich fühle mich arbeitslos, ziellos, richtungslos, körperlos, klebrig, alt und fett und langsam.«

Nach jedem Wort macht er eine Pause.

Dann sagt er: »Wem mache ich eigentlich was vor? Ich hab mir einen Grill gekauft für zu viel Geld, der steht jetzt hier rum. Ich geh einkaufen, ich mach mir Fisch, aber das ist nicht mein Leben. Ich brauche kein Abendessen, ich brauche drei rohe Tomaten. Aber ich brauche das Gefühl: Ich bin.«

Ist man noch, wenn man nicht auftreten kann?

Vor vier Jahren ist Levits bester Freund, Hannes Malte Mahler, bei einem Fahrradunfall gestorben, er kam nicht schnell genug aus den Klickpedalen seines Rennrads. Selbst als Mahler gestorben war, gab Levit kurz darauf ein Konzert. Levit sagt, Mahler habe das Radfahren geliebt. Er selbst fahre nun auch immerzu und denke an ihn. Es ist, als hätte im Stillstand die Vergangenheit aufgeholt.

Es gibt eine »Simpsons«-Folge, in der Bart Simpson seine Seele verkauft. Danach öffnen sich Supermarkttüren nicht mehr, wenn er davorsteht, und wenn er Glas anhaucht, beschlägt es nicht. Levit sagt, so fühle er sich. Wie Luft.

Viele Musiker fühlen sich wie ein Geist ohne die Bühne. Eine Geigerin erzählt, dass sie zum Spielen in den Wald gehe und sich vorstelle, die Vögel wären das Publikum. Levit hatte bei den Hauskonzerten zwar ein Publikum, aber es war unsichtbar, er hatte eine Bühne, aber sie war sein Wohnzimmer. Er hat eine ganze Welt verloren, wie viele in dieser Zeit.

Konzertpianisten, wie alle Musiker, verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit dem Instrument, es liegt immer Arbeit vor ihnen, und sie gewöhnen sich ab, darüber nachzudenken. Sie tun es einfach. Levit spielt Klavier, seit er drei Jahre alt ist, seine Mutter, eine Pianistin, hat ihn anfangs unterrichtet.

Er spielt nun gar nicht mehr, zum ersten Mal, seit er ein Kind war. Er sagt, er rühre sein Instrument zehn Minuten lang an, und dann müsse er heulen. Er sei nicht gut darin, Sachen für sich allein zu machen. Er höre auch keine Klassik mehr, er höre gerade Hip-Hop und Rap, über Kopfhörer.

Den Fernseher habe er nur dreimal benutzt. Er fragt: »Brauchst du einen Fernseher?«

Im Studio

30. Mai, Erik Satie, »Vexations«

Drei Notenzeilen, ein Thema mit nur zwei Variationen. Satie hat die »Vexations«, auf Deutsch: Quälereien, Ende des 19. Jahrhunderts komponiert. Das Notenblatt soll 840-mal wiederholt werden, ein Stück wie ein Rosenkranz, in dem auch irgendwann die Wörter verschwimmen und alles nichts mehr bedeutet. Satie wollte, dass das Stück »très lent« gespielt wird, sehr langsam, es würde dann 28 Stunden dauern.

»Vexations« wurde einige Male aufgeführt, meist wechselten sich Pianisten ab, nur wenige haben es 840-mal allein gespielt, es heißt, das Stück könnte nach einer Weile Halluzinationen auslösen. Einmal hat ein Spieler geglaubt, dass Käfer zwischen den Klaviertasten herauskröchen, er musste abbrechen. Eine Aufführung von »Vexations« liegt irgendwo zwischen Kunst als Tortur und Guinness-Rekordversuch.

Levit sagt, er habe überlegt, welches Stück in diese Zeit passe. »Vexations« sei nicht progressiv, es kreise immer um die gleiche Sache. Es sei ein Werk, das man anwesenden Zuschauern nicht zumuten könne, das aber so einfach zu spielen sei, dass jeder es könne: »Ich geb euch zwei Tage Klavierunterricht, dann könnt ihr das auch.«

An diesem Tag steht Levit in einem Studio im Osten Berlins, es ist 13 Uhr, eine Stunde bevor es losgeht. Levit hat diesen Ort gemietet, ein Kamera- und Tonteam engagiert, er hat einen hohen Betrag investiert, die Noten werden später für einen guten Zweck versteigert. »Vexations« wird live gestreamt, diesmal professionell gefilmt.

Ein Freund Levits, ein Arzt, ist angereist, falls Levit umfällt, der Producer hat sich auf dem Boden des Studios ein provisorisches Bett eingerichtet. Auf dem Parkettboden steht ein anderer Steinway-Flügel, der ihm gehört, er nennt ihn Lulu.

Seine Agentin hat einen Tisch aufgebaut für ihn, neben dem Flügel, mit Wasser, Ananasstücken, Datteln, Müsliriegeln.

Um 14 Uhr setzt sich Levit hin, er schlägt die ersten Takte an, neben ihm ein fast 13 Zentimeter hoher Stapel: 840 Notenblätter. Er wird fünfzehneinhalb Stunden spielen und nach jedem gespielten Notenblatt das Papier zu Boden werfen. Irgendwann wird es aussehen, als säße er zwischen Trümmern. Für die erste Seite wird er eine Minute und 41 Sekunden brauchen. Die Stunden werden klingen wie ein langes Selbstgespräch, mal wütend, mal liebevoll, mal sehr langsam, meist aber schnell. Er wird dasitzen, gequält wirken, und von außen wird man denken, das ist nun der absolute Tiefpunkt.

Doch wenn er aufsteht, um kurz zur Toilette zu gehen, zeigt er das Victoryzeichen oder wirft sich auf die Couch im Studio. Um 4.29 Uhr in der Nacht sagt er in einer der Pausen: »Ich sage gleich in die Kamera, ich habe ein postumes Werk entdeckt, es sind 1277 Variationen in Fis-Dur.« Alle Anwesenden lachen. Um 5.29 Uhr ist er fertig. Er legt sein Gesicht in die Hände und schließt den Deckel des Klaviers.

Leises Klatschen. Umarmungen.

Zwei Stunden später in seiner Küche fragt er: »What’s next?« Er googelt die längsten Werke für Klavier solo.

Auf der Bühne

2. August, Beethoven, Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53

Für die klassische Musik werden Gebäude erschaffen, nur errichtet, damit sie perfekt klingt. In Salzburg ist das Große Festspielhaus in einen mächtigen Felsen gebaut worden. Die Festspiele feiern in diesem Jahr das 100-jährige Jubiläum. In jedem Jahr versammelt sich die Musikwelt hier wie bei einer Messe. Kritiker reisen an, Klassikfans aus Europa, Asien und den USA, Konzertveranstalter und Plattenlabelbosse. Salzburg ist für Musiker das, was für Tennisspieler Wimbledon ist. Es geht um Musik, aber es geht auch um die Vergewisserung dazuzugehören. Salzburg ist das Gegenteil von einem Hauskonzert.

Wenn man im August durch die Stadt läuft, sieht man Limousinen, die Männer im Smoking und Frauen im Abendkleid vor den Opernpremieren rauslassen, man geht an Champagnerständen vorbei. Auf der Salzach drehen sich Ausflugsschiffe im Kreis, sie tanzen Walzer für die Touristen, im Geburtshaus von Mozart ist jetzt ein Spar.

Es war lange unklar, ob das Festival wie geplant stattfinden kann, im Juni schließlich wurde bekannt gegeben, dass man es mit weniger Zuschauern und strikten Hygieneregeln, Maskenpflicht und ohne Pausen versuchen werde. Die Geister aus den Wohnungen sind zurück auf der Bühne, als wäre alles nur ein böser Traum gewesen.

Es war natürlich kein Traum. In Salzburg wurden im vergangenen Jahr 270 584 Tickets verkauft. In diesem Jahr wurden nur 76 383 Tickets angeboten. In Berlin gehen im August Musiker auf die Straße und fordern Perspektiven. Konzertveranstalter lassen inzwischen manchmal bei Künstlern anfragen, ob sie zweimal zum Preis von einem Auftritt spielen könnten. Forscher testen bei einem Tim-Bendzko-Konzert, wie Großveranstaltungen trotz Corona stattfinden könnten. Levit kehrt in eine Welt zurück, die noch nicht wieder funktioniert.

Er spielt an seinem ersten Abend in Salzburg erneut die »Waldstein«-Sonate.

Der dritte Satz endet in einem Schluss-Prestissimo, es heißt, man könne hören, wie Musik hier gegen das Verfließen der Zeit rebelliert. Es gebe kein »Nachleuchten«, sondern nur den Versuch, den Moment immer wieder zu übersteigern.

Am Tag des Auftritts sitzt Levit auf der Terrasse eines Cafés, er raucht einen Zigarillo, der geht immer wieder aus, er versucht, ihn erneut anzuzünden, aber das schwere goldene Feuerzeug funktioniert nicht mehr. Er hat zuvor schon in Köln Mozart gespielt, Beethoven und Schubert in Granada. Spanien ist inzwischen wieder zum Risikogebiet erklärt worden. In Salzburg wird er an acht Abenden alle 32 Beethoven-Sonaten aufführen. Sein Terminkalender ist auch in den Wochen danach voll, Luzern, Berlin, Hannover, und er hat eine CD aufgenommen, darauf sind auch Stücke aus der Hauskonzertzeit.

Wenn man ihn nach dieser neuen Welt fragt, in der er nun gelandet ist, sagt er, er sei so unglaublich froh, wieder spielen zu dürfen. Er fühle sich wieder frei, er sei glücklich auf der Bühne.

Dann sagt er: »Aber.«

Levit sagt, er habe gestern mit seinem Freund, dem Jazzmusiker Fred Hersch, telefoniert, Hersch habe gesagt, Levit habe nun alles erreicht, was man als klassischer Pianist erreichen könne. Jetzt wäre es vielleicht Zeit, ein Stück vom Piano wegzutreten, vielleicht etwas zu komponieren.

Als er in Spanien war, habe er Musikerbiografien gestreamt, sagt Levit, »Rocketman« über Elton John und einen Film über Keith Richards. Richards spricht darin über den Blues-Sänger Muddy Waters, den Levit bis dahin gar nicht kannte. Er habe sich dann »Everything’s Gonna Be Alright« angehört. Diese Stimme zu hören sei ein intensives Erlebnis gewesen, ein Schock, im schönsten Sinne. Wenn er daran denke, fühle er sich, als stäche ihm jemand ein Messer in die Halsschlagader.

Er sagt, er wolle noch so viel mehr ausdrücken. »Ich komme aus dem Vergleichsscheiß nicht raus. Die haben alle ihre Probleme, aber die haben so viel.« Er frage sich: Kann ich das auch?

Er spielt jetzt häufig ungewöhnliche Zugaben. Mal die Uraufführung eines Stücks, das für ihn geschrieben wurde, mal Jazz, mal einen Ragtime.

Am 21. August tritt Levit das letzte Mal in Salzburg auf, im Großen Festspielhaus. Er spielt die letzten drei Sonaten Beethovens, der Saal ist halb leer, wie es sein soll, derzeit. Ein Mann fummelt Hustenbonbons aus Zellophan, jemand bekommt einen Anruf, ein anderer eine Textnachricht, eine Frau weint leise in ihre Maske, ein Paar hält Händchen über den leeren Sitz dazwischen hinweg. Am Ende stehen fast alle auf, rufen Bravo hinter Masken, die Kritiker schreiben, wenn man Levit zuhöre, lasse einen das Staunen nicht los, es sei ein Konzert wie eine Befreiung.

Verbeugen, weiterreisen.

Man kann mit Levit nicht gut über Vergangenes sprechen, er sagt, er erinnere sich beinah an nichts. Nicht daran, wie er gespielt habe als Kind, nicht daran, ob er sich am Klavier gequält habe. Levit kam 1995 mit seinen Eltern aus dem russischen Nischni Nowgorod nach Deutschland, seine erste Erinnerung sei der Anflug, da war er acht Jahre alt. Er sagt, es sei schon dunkel gewesen, er erinnere sich an die Lichter. Düsseldorf.

Jetzt hat Levit etwas Neues an sich entdeckt. Er sagt, er sei nun manchmal nostalgisch. Gelegentlich, sagt er, denke er zurück an die Zeit der Hauskonzerte.

Die sei doch sehr schön gewesen.

DER SPIEGEL, 29.8.2020

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