Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt

Er könnte in den Spiegel schauen und denken: was will ich mehr? Er könnte sagen, was gerade draußen in der Welt passiert, interessiert mich nicht, ich bin Pianist, ich muss üben.
Er sagt: „Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt.“

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„Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt“

Der 32-jährige Igor Levit gilt als einer der besten Pianisten der Welt. Damit könnte er zufrieden sein. Levit aber will auch als politischer Mensch wahrgenommen werden. Porträt eines Rastlosen

Einmal erzählt Igor Levit von einer Begegnung mit einer Eule. Es war vor sechs, sieben Jahren, in einem Zoo. Er weiß nicht mehr, wo der Zoo war, aber er erinnert sich sehr genau daran, wie ihn die Eule ansah. Sie fixierte ihn.

„Schau, so.“

Igor Levits Augen sind groß und braun. Meistens wandert sein Blick unruhig hin und her, zwischen dem Display seines Handys und den Menschen, die ihn umgeben. Jetzt hält er den Blick.

„Der absolute Fokus“, sagt er. Pause. „Dann flog sie los.“ Die Eule war weg, und der Moment war verstrichen.

Levit hat einen Ring aus Platin geschenkt bekommen. Er trägt ihn an der rechten Hand. Bevor er Klavier spielt, steckt er den Ring in seine Hosentasche, er würde sonst auf den Tasten klappern. Außen auf dem Ring: ein Eulenkopf. Innen: ein pinkfarbenes Herz und Worte von Beethoven. „Von Herzen zu Herzen“. Es ist, gekürzt, das Motto von Beethovens Missa solemnis. Zu Herzen zu gehen: Das sei der wichtigste Auftrag, sagt Levit. Das Tragische ist: Musik ist flüchtig. Sobald der Pianist die Finger von den Tasten nimmt, ist sie weg.

Wie soll er danach noch den Weg zu den Herzen finden?

Darum geht es: Um einen Künstler, der sich nicht damit abfinden mag, dass so wenig von seinem Werk bleibt, wenn die Musik verklungen ist.

Igor Levit, vor 32 Jahren in Gorki, Russland, geboren, seit 17 Jahren deutscher Staatsbürger, seit bald vier Jahren Berliner (eine Vorstellung seiner Person, die er hassen wird, denn er glaubt, dass Herkunft und Nationalität keine Rückschlüsse auf einen Menschen erlauben), ist derzeit einer der gefragtesten Pianisten der Welt. Manche sagen, er sei der beste.

Tatsächlich gibt es kaum einen anderen klassischen Musiker, der die Menschen im Konzertsaal so sehr in die Gegenwart holt wie Levit. Es ist, als übertrage er seine Konzentration auf sein Publikum. Wenn er in Berlin, Potsdam, Leipzig, München, Wien, London, Paris, New York zwischen zwei Stücken in seiner Versenkung verharrt, dann klatschen die Zuhörer nicht, wie es manche gern tun, um anzuzeigen, dass sie das Werk kennen und wissen, dass es vorbei ist. Sie schauen nicht verstohlen aufs Handy, sie blättern nicht in den Programmheften. Viele bleiben am Ende minutenlang sitzen, bis sie sich wieder aus ihrem Innern hervorgekramt haben. Dann stehen sie auf, um Igor Levit zu applaudieren, der sich, bleich und wie um Jahre gealtert, verbeugt.

Die New York Times urteilte, er erreiche mit jedem Auftritt neue Höhen. Der französische Figaro schien nach Levits erstem Soloabend in Paris überwältigt von seiner „funkelnden Gewalt“ und „extremen Konzentration“. Und als er bei den Salzburger Festspielen auftrat, hob ihn der Kritiker der Salzburger Nachrichten in den Himmel, indem er Bachs Kantate Was Gott tut, ist wohlgetan zitierte – bloß schrieb er: „Was Levit tut, ist wohlgetan.“

Levit = Gott.

Er könnte in den Spiegel schauen und denken: was will ich mehr? Er könnte sagen, was gerade draußen in der Welt passiert, interessiert mich nicht, ich bin Pianist, ich muss üben.

Igor Levit sagt: „Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt.“

Im September 2018 saß Levit mit dem CDU-Politiker und langjährigen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert auf einem Podium in Potsdam und diskutierte über Kulturpolitik. In einem Interview mit der taz sagte er, er würde lieber das Klavierspielen aufgeben als sein politisches Engagement. Er stellte sich vor einem Konzert in der Kölner Philharmonie vors Publikum, das Orchester im Rücken, und sagte, eine Gesellschaft, die sich nicht gegen den Gedanken stelle, dass es Menschen zweiter Klasse gebe, lasse zu, vergiftet, entgeistigt, entmenschlicht zu werden.

Manche sehen in Igor Levit den neuen politischen Künstler überhaupt. Eine Art Günter Grass der Musik. Einen Grönemeyer der Hochkultur.

Wenn man ihn über ein Jahr immer wieder trifft, lernt man einen Musiker kennen, der wie auf tausend Volt auf der Suche nach einer Möglichkeit ist, in der Welt etwas zu bewirken. Nur: Wie schafft man das, wenn man Klavier spielt?

Ein Schriftsteller kann politische Essays schreiben oder Romane in die Themen der Zeit betten und so Debatten auslösen. Ein Popsänger kann eine Platte mit brisanten Texten aufnehmen und auf großen Konzerten gegen die Armut ansingen.

Schon immer hat Kunst versucht, gesellschaftliche Positionen zu beziehen – wenn ein Renaissance-Künstler die Kirche kritisieren wollte, malte er den Heiligen schmutzige Füße.

Igor Levits Kunst aber hat keine Bilder und keine Worte. Man kann in ihr hören, was man will: Sehnsucht, Verzweiflung, Freude, Wut, Liebe, Tod. Musik ohne Text kann Kontemplation und Ansporn sein, Licht und Schatten. Die Musik selbst, zumal klassische, erscheint selten als politisch, niemals ist sie eindeutig. Die meisten Komponisten, deren Werke Igor Levit spielt, sind lange tot. Sie lebten in einer anderen Zeit.

Was sollen Bach, Beethoven, Liszt in der heutigen Gesellschaft bewegen? Wie soll man überhaupt etwas bewegen mit einer Kunst, die zu hören ist und trotzdem stumm bleiben muss?•

Nach einem Konzert im Januar 2017, an einem Abend in London, bekam Igor Levit einen Anruf. Er wurde in eine Hotelbar gebeten. Es sei wichtig.

In der Bar wartete der Präsident der amerikanischen Irving S. Gilmore Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung. Der Mann eröffnete dem damals 29-jährigen Levit, dass er für seine pianistische Kraft und als „zutiefst nachdenklicher Künstler“ mit dem Gilmore Artist Award geehrt werde.

Dieser alle vier Jahre verliehene Preis ist hochangesehen und hochungewöhnlich. Es gibt keinen Wettbewerb, bei dem Pianisten gegeneinander antreten, keine Ausschreibung, die dazu auffordert, Aufnahmen einzureichen. Eine Jury beobachtet verschiedene Musikerinnen und Musiker über mehrere Jahre, ohne dass diese davon wissen. Dann fällt sie eine Entscheidung.

Der Preis ist mit 300.000 Dollar dotiert.

Igor Levit sagt: „Meine erste Reaktion war: Ich spende das Geld. Alles. Ich brauche es nicht.“

Aber das Geld darf nicht gespendet werden, es muss in den musikalischen Kreislauf zurückfließen, so steht es in der Satzung. Der amerikanische Pianist Kirill Gerstein beauftragte vom Preisgeld Komponisten mit Werken für Klavier solo. Die Argentinierin Ingrid Fliter richtete in Italien ein Aufnahmestudio ein.

Und Igor Levit?

Er sagt: „Ich muss mir was überlegen, das mir entspricht.“

Er sagt: „Ich will eine Rolle spielen. Ich will auch, dass jeder Mensch weiß, dass er oder sie etwas bewirken kann.“

Das Überlegen wird dauern.

Natürlich ist auch klassische Musik in Wahrheit nicht unpolitisch. Ohne die Marseillaise kann man sich die Französische Revolution nicht vorstellen, und Dmitri Schostakowitschs Leningrader Sinfonie,uraufgeführt während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, wurde weltweit zur Melodie des Antifaschismus.

Die Liste der Diktatoren, die sich der Musik bedienten, ist lang, das berühmteste Beispiel ist Hitler, der Wagner zu seiner Selbstinszenierung nutzte. Andere Komponisten wurden von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt, aber die Nazis hatten diese Methode nicht exklusiv. Bei Stalin wurde missliebige Musik mit dem Argument verboten, sie sei „formalistisch“.

Die Musik kann sich gegen solche Zuschreibungen nicht wehren. Überhaupt lässt sich ein und dieselbe Musik auf unterschiedliche Art und Weise aufladen.

Da ist etwa die Symphonische Dichtung Les Préludes von Franz Liszt, geschrieben nach Gedichten des Franzosen Alphonse de Lamartine. Aus ihr lösten die Nationalsozialisten 1941 ein Thema heraus und nutzten es als Erkennungsfanfare der Wehrmachtsmeldungen, für Erfolgsnachrichten aus einem Vernichtungskrieg.

Der Philosoph Ernst Bloch nannte die Musik eine „Hure, die mit jedem Text geht“.

Nach den Erfahrungen der Nazi-Zeit hatte sich die klassische Musik vorübergehend entpolitisiert. Politik war verdächtig geworden, lieber widmete man sich der puren Ästhetik. Dann kamen die Sechzigerjahre. Der Italiener Luigi Nono führte seine Komposition Die erleuchtete Fabrikin Werkskhallen auf, und der Deutsche Hans Werner Henze komponierte ein Oratorium für den kubanischen Revolutionär Che Guevara. Ende der Neunzigerjahre gründete Daniel Barenboim das Orchester des West-östlichen Divans mit Musikern aus Israel und den palästinensischen Gebieten.

Heute sind wenige klassische Künstler politisch engagiert. Umso mehr ist es Igor Levit. Manchmal scheint es so, als wolle er das Schweigen seiner Kollegen kompensieren, indem er sich besonders häufig einmischt.•

An einem Abend im September 2018 sitzt Levit allein in einer umfunktionierten Kirche in Berlin-Kreuzberg am Flügel und drückt zum Warmwerden ein paar Tasten. Der Galerist Johann König zeigt in dem ehemaligen Kirchenschiff die Arbeiten seiner Künstler, ausnahmsweise darf an diesem Dienstagabend ein Musiker den Raum bespielen. Wo früher der Altar stand, haben sie einen Flügel hingerollt. Darüber hängt, wie schwebend, eine Bahnhofsuhr.

Die CD, die Igor Levit an diesem Abend vorstellen will, heißt Life . Darauf Musik, die nur selten im Konzertsaal zu hören ist. Bach-Bearbeitungen von Busoni und Brahms, Wagner-Transkriptionen von Liszt, Schumanns Geistervariationen, A Mensch des amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski, das Peace Piece des Jazzmusikers Bill Evans.

Der Vorraum zum Kirchenschiff füllt sich mit Menschen mit Weißweingläsern. Freunde von Igor Levit sind da, Kulturkritiker, aber auch Leute, die eher selten zu solchen Veranstaltungen gehen: Politikjournalisten. Auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag taucht auf, im weißen Blazer.

Levits Pressedame, eine schlanke, hoch aufgeschossene Frau, wetzt hinein ins Kirchenschiff und sagt zu Levit: »Katrin Göring-Eckardt ist gekommen!«

Spätestens an dieser Stelle muss man kurz vom Klavier wegtreten und sich einen anderen Igor Levit anschauen, einen Menschen, der @igorpianist heißt.

@igorpianist ist eine Person auf Twitter, eine Person nicht der Musik, sondern der Worte.

Wie der Pianist Igor Levit im Konzertsaal hat @igorpianist auf Twitter Erfolg. Im September 2018, als die Arbeit an diesem Artikel beginnt, hat er 13.900 Follower. Ein Jahr später werden es 23.500 sein.

Genau genommen gibt es nicht nur einen @igorpianist. Es gibt den höflichen @igorpianist der »Guten Morgen« wünscht. Es gibt den künstlerisch-verspielten @igorpianist, der Videoschnipsel postet, die zeigen, wie er ein paar Takte Schubert spielt (»The most wonderful first eight bars ever«). Oder Bach. Oder Chilly Gonzales.

Es gibt den @igorpianist, der in einem Video zur Europawahl aufruft. Den, der schreibt, Marine Le Pen sei gerade an ihm vorbeigelaufen, er habe »das Böse gesehen. Das Auge Saurons. Es lebt.« Den, der twittert: »Ernst gemeinte Frage: warum muss es eigentlich überhaupt Milliardäre geben? Warum? Wozu? Für wen?«

Es gibt den harmlosen @igorpianist, der über seine Abneigung zu Zwiebelmettwurst informiert, und es gibt den leicht erregbaren, der einen AfD-Politiker als »Arschloch« beschimpft, was ihm einen Shitstorm einbringt.

Igor Levit sagt: »Ich bin extralinks. Ich lehne mich extra aus dem Fenster.«

Seine Mutter, erzählt er, mache sich Sorgen um ihn. Er sage ihr dann: »Ich bin kein Politiker, kein Journalist. Ich bin kein Feind. Ich bin Musiker.« Wer erkenne ihn schon auf der Straße?

@igorpianist ist ein Mensch mit vielen Gesichtern und wechselnden Stimmungen, aber meist mit einer politischen Agenda. Einer, der im Vergleich zu dem Menschen auf der Bühne hochnervös wirkt, der auf den ersten Blick wenig mit Bach und Beethoven zu tun hat und viel mit der Zeit, in der wir heute leben. Von jener fokussierten Eule im Zoo scheint er maximal weit entfernt.

Seine Pressedame, die auch seine Beraterin ist, hört von anderen Musikern und von Journalisten oft, sie möge ihrem Schützling bitte ausrichten, er solle nicht mehr so viel Zeug twittern. Das nerve. Sie antwortet dann, sie werde das nicht tun. »Ich bin nicht seine Gouvernante.« Trotzdem hat sie Igor Levit schon einmal gefragt, was geschehe, wenn man ihm sein Handy wegnähme?

Wahrscheinlich würde es ihm Ruhe geben, wird er später dazu sagen, aber nur für kurze Zeit. Er sagt, ohne Handy wäre er allein.

Als Igor Levit acht Jahre alt war, im Dezember 1995, stieg er mit seinen Eltern und seiner Schwester in seinem Geburtsort Gorki, heute Nischni Nowgorod, 400 Kilometer östlich von Moskau, in ein Flugzeug. Der Vater Bauingenieur, die Mutter Pianistin. Sie zogen als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Dortmund, wenig später nach Hannover. Wenn Igor von der Grundschule nach Hause kam, verkündete er, bald wolle er besser Deutsch sprechen als seine Klassenkameraden. Er mochte die Sprache, und er war schlau und ehrgeizig, außerdem wurde er ein wenig dick. Neben der Schule bekam er Klavierunterricht. Als Igor 13 Jahre alt war, empfahl ihn sein Lehrer an das neu gegründete Institut zur Frühförderung Hochbegabter an der Hochschule für Musik und Theater Hannover.

Das klingt nach einem geradlinigen Weg, so als hätte es gar nicht anders kommen können, als dass dieser begabte Junge einmal zu einem der besten Pianisten der Welt würde. Aber der Weg des Nachwuchskünstlers Igor war auch ein Kampf.

Seine Lehrer erklärten ihm, wie das Klavier klingen könnte: hier wie eine Oboe, da wie eine Klarinette, dort wie ein Orchester. Er war 17, da wurde es ihm zu viel. »Quatsch!«, wehrte er sich: »Ich spiele Klavier, nicht Klarinette.«

Ihm fehlte etwas. Die Komponisten, mit denen er sich beschäftigte, jeden Tag, stundenlang, hatten ihre Werke im 18., im 19. Jahrhundert geschrieben, für Fürsten und Fürstinnen, für Könige und Königinnen, für die Kirche. Was hatten sie mit ihm zu tun?

Heute sagt er: »Ich war an einem Punkt, an dem ich alles hingeschmissen hätte.«

Dann fand er in der Bibliothek der Hochschule ein paar Noten. The People United Will Never Be Defeated, Variationen von Frederic Rzewski auf das chilenische Kampflied der Linken. Musik, die mit der Gegenwart in Verbindung stand, mit der Welt von heute, mit dem, was ihn, Igor Levit, beschäftigte. Er traf auf Lajos Rovatkay, einen Nachbarn der Familie, der auch Cembalo und Orgel an der Musikhochschule unterrichtete, ein Mann mit schnellem Geist und einem Wissen für drei Leben. Levit sagt: »Rzewski und Rovatkay haben meine Neugierde auf Musik, auf Literatur wiedererweckt.«

Andere junge Pianisten gaben Klavierabende. Igor Levit las Zeitungen, redete mit seinem Lehrer, verlor innerhalb von zwei Jahren durch Cardiotraining 30 Kilo und erarbeitete sich immer mehr Stücke.

2010 – gegen Ende des Studiums, Igor Levit war 23 Jahre alt, war er mit anderen jungen Musikern aus Deutschland in China eingeladen und spielte Mozart und Beethoven auf einem verstimmten Klavier. Im Publikum saß zufällig die deutsche Musikkritikerin Eleonore Büning. Sie hatte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf seiner China-Tour begleitet und wollte eigentlich längst wieder abgereist sein. Da aber auf Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen war, kam der Flugverkehr für mehrere Tage zum Erliegen. Büning saß fest – und hörte sich die Konzerte der jungen Talente an. Danach schrieb sie in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: »Igor Levit hat das Zeug dazu, einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden. Besser gesagt, er ist es schon.«

Eine solche Aussage kann für einen jungen Musiker zum Problem werden. Andere Kritiker schreiben dann manchmal bewusst das Gegenteil. Wieder andere ignorieren den vermeintlich neuen Superstar. Und den jungen Menschen selbst kann ein solches Lob in die Bewegungsunfähigkeit manövrieren, aus zwei Gründen. Er wird satt. Oder er hat Angst, das Niveau nicht halten zu können.

Igor Levit aber legte nach dem Jahrhundertpianisten-Satz sein Konzertexamen mit der höchsten Punktzahl ab, die es an seiner Hochschule je gab.

Folgerichtig wäre es nun gewesen, eine erste Platte aufzunehmen, doch die Vertreter der Labels taten sich schwer mit ihm. Dieses politische Interesse, das sie in Gesprächen mit ihm feststellten, wie wollen wir den denn verkaufen, habe es in der Branche geheißen, so erzählt es Anselm Cybinski, der damals beim Musikunternehmen Sony als Executive Producer arbeitete. Auch die Frage »Ist er denn fotogen?« habe immer mitgeschwungen, selbst wenn sie nicht ausgesprochen wurde.

Igor Levit war damals »ein Nobody«, wie er selbst sagt. Aber einer, der eine genaue Vorstellung davon hatte, welche Musik er spielen wollte: komplexe Werke und Musik, die die Agenten der Plattenlabels zweitrangig fanden. Werke für menschliche Stimme, die für Klavier bearbeitet wurden.

Levit sagt auch: »Ich hab viel geredet. Ich glaub, ich hab die genervt.«

In manchen erwachsenen Menschen erkennt man leicht das Kind von früher. Klassische Musiker gehören eher selten zu diesen Leuten. Viele wirken, als seien sie schon in Bundfaltenhosen geboren worden. Bei Igor Levit aber hat man das Gefühl, ihm noch immer den anarchischen Jungen anzumerken, der das Bücherregal ausräumt und ununterbrochen Fragen stellt, sodass man als Eltern erschöpft die Augen schließt, sobald das Kind endlich irgendwo eingeschlafen ist.

Es gibt ein paar Menschen, die nicht genervt sind von diesem jungen quirligen Pianisten, die ihn verstehen. Der damalige Sony-Mann Cybinski ist einer von ihnen. Levit sagt heute über ihn: »Ich weiß nicht, wie oft der mit dem Kopf gegen die Wand gerannt ist, damit die in eins meiner Konzerte kommen.« »Die« sind Cybinskis Kollegen bei Sony. Im Mai 2012 sitzen sie endlich in einem Konzert von Igor Levit.

In der Pause geben sie Levit die Hand und versprechen, ihn unter Vertrag zu nehmen. 2013 erscheint die erste CD, unter anderem mit Beethovens Opus 111, einem Werk, dem Thomas Mann in seinem Doktor Faustus viele Seiten gewidmet hat. Über kaum eine andere Sonate wurde so viel philosophiert. Es ist Beethovens letzte. Igor Levit ist 26, es ist sein Debüt.

Eine Unverfrorenheit, mit Beethovens Spätwerk anzufangen.

Anselm Cybinski versteht Levit aus der Ferne, der Künstler Hannes Malte Mahler aus der Nähe. Mahler sei der »inspirierendste und inspirierteste, der schönste Mensch« gewesen, dem er »jemals begegnen durfte«, sagt Levit. Mahler, knapp zwanzig Jahre älter, ist für den jungen Levit wie eine Kompassnadel. Er begleitet ihn zu wichtigen Konzerten, er bindet ihm die Fliege, als Levit noch Fliege trägt, er findet die richtigen Worte, als seine Freundin ihn verlässt.

Das Publikum staunt über die Zartheit und die gleichzeitige Wucht im Spiel dieses im Jahr 2013 noch immer fast unbekannten Pianisten. Levit nimmt zwei weitere CDs auf, gibt immer mehr Konzerte. Sein Weg scheint jetzt klar vor ihm zu liegen.

Drei Jahre später aber, 2016, passiert etwas Entscheidendes in Levits Leben: Sein Freund Hannes Malte Mahler stirbt bei einem Fahrradunfall.

Wenn jemand stirbt, der einem nahesteht, wird einem bewusst, dass man nur eine begrenzte Zeit hat, um der Mensch zu werden, der man sein will.

Im November 2016 gewinnt Donald Trump die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Kurz darauf tritt Levit in Brüssel auf. Bevor er sich an den Flügel setzt, stellt er sich vors Publikum und sagt: »The time of staying in my comfort zone is over.« Die Zeit, in seiner persönlichen Komfortzone zu verharren, sei vorbei.

Im März 2017 übergibt die damalige britische Premierministerin Theresa May den Antrag zum Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union dem EU-Ratspräsidenten Donald Tusk. Levit tritt bei den BBC Proms in London auf, eine Veranstaltung, bei der Politik ausdrücklich unerwünscht ist. Er darf nichts sagen. Dafür spielt er mit zitternden Händen als Zugabe: die Europahymne.

Im April 2018 gibt Levit – wie Barenboim und der Dirigent Christian Thielemann – seinen Echo zurück, nachdem zwei Rapper, die frauenverachtende, rassistische Zeilen texten, mit dem Preis ausgezeichnet worden waren.

Ein gutes halbes Jahr später sitzt er bei einer Diskussion über Kunst und Politik in Wien auf dem Podium. Er wird gefragt, ob er sich als russischer oder deutscher Pianist fühle – eine Frage, die er nicht ausstehen kann. Er antwortet: »Als jüdischer Pianist.«

Er sagt: »Weißt du, wie die reagiert haben? So.« Er macht ein erschrockenes Gesicht.

Er erzählt von einem Mann in der Schlange beim CD-Signieren in der Berliner Philharmonie. Der Mann sagte: »Den Bach haben Sie toll gespielt, dabei haben Sie keine kulturelle Herkunft dafür.«

Er erzählt auch von dem Anwalt, der ihm bei einem Dinner inmitten »lauter kultivierter Menschen« sagte: »Toll, dass Sie als Kind nach Deutschland gekommen sind. Aber Sie wissen schon, dass Menschen wie Sie in diesem Land nicht vorgesehen waren?«

Igor Levit, der Russe. Igor Levit, der Jude.

Diese Zuschreibungen verletzen ihn, auch wenn er behauptet, er wisse nicht mal, wie man Chanukka schreibe. Aber sie schüchtern ihn nicht ein, nicht mehr. Man hat eher den Eindruck, sie spornen ihn an.

Igor Levit hat bei den Grünen anrufen lassen: Es möge bitte niemand mitsingen. Zum ersten Mal wird ein klassischer Musiker einen Parteitag eröffnen. Die Grünen haben Levit dazu eingeladen.

Jetzt sitzt Levit, auf dem Weg dorthin, im ICE. Am Abend zuvor ist er in Wien aufgetreten, Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen im Konzerthaus, drei Stunden. »Muskelkater-Armageddon in den Unterarmen«, so nennt er den Zustand nach solchen Abenden. In den nächsten Tagen Konzerte in München und Dresden. Heilige Hallen.

An diesem Nachmittag aber: sein Auftritt in einer akustisch schauerlichen Messehalle in Leipzig. Diesmal ist nicht die Politik das Beiwerk zu einem seiner Konzerte, diesmal ist sein Konzert, ist er selbst das Beiwerk.

Der Auftritt scheint ihn mehr zu beschäftigen als Konzerte in berühmten Sälen mit hinreißender Akustik. Ihm ist bewusst, dass sich die Grünen seine Prominenz zunutze machen könnten, dass es bis zur Vereinnahmung ein kurzer Weg ist. Auch deshalb hat Levit sich Gedanken gemacht. Er will nicht nur der Konzertklimperer sein, der die Delegierten mit einem erhabenen Gefühl dem Parteitagsprogramm überlässt. Er will vor seinem Auftritt auch etwas sagen.

Levit hat sich für Beethoven entschieden. Beethoven, der die Musik demokratisierte. Für seine Sinfonien brauchte man große Konzerthäuser – Säle, in die die Bürger strömten. Eine Kunst, die nicht für eine Elite geschaffen war, sondern für die Masse.

Jetzt, im ICE, greift Levit zum Handy. Tippt. Sagt: »Wisst Ihr, was immer passiert, wenn ich Ode an die Freude schreibe? Die Rechtschreibfunktion macht aus Ode öde.« Er grinst. »Da muss ich echt aufpassen.«

Auf einem Parteitag gibt es viele Tagesordnungspunkte und noch mehr Redner. Wenn Politik eine Kunst wäre, wäre es die wortreichste Kunst überhaupt.

Als Levit auf die Bühne gebeten wird, hält er sich mit bebenden Fingern an einem Streifen Papier fest. Er sagt, dass Beethovens Musik aus der Ode an die Freude eine Deklaration für das Menschsein gemacht habe, ihr Anspruch sei allgemein und international gültig oder gar nicht. »›Alle Menschen werden Brüder‹ ist keine romantische Verklärung, sondern ein ständiger Arbeitsauftrag an uns alle.«

Applaus.

Die Klimaanlage in der zugigen Halle der Messe Leipzig rauscht, aber in keinem Moment ist es auf dem Parteitag so still wie in dem, als Igor Levit am Flügel seine musikalische Botschaft anstimmt.

Die Ode an die Freude beginnt mit einer innigen Notenfolge. Eigentlich schwillt der Klang an, aber Levit spielt leise weiter. Als wolle er nicht, dass die Musik Jubel auslöst. Man könnte sich die Noten, wenn man wollte, als Menschen vorstellen, die sich anderen anschließen zu einem Strom, und am Ende … ja, was? Beethoven hat im letzten Satz seiner neunten Sinfonie die menschliche Stimme eingesetzt, einen ganzen Chor. Ein Chor in einer Sinfonie: der Griff nach den Sternen. Aber Igor Levit hat jetzt keinen Chor.

Er hat nur seine Tasten.

Levit schläft schlecht. Er sagt, die Debatte über die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, setze ihm zu. Er überlege, Twitter von seinem Handy zu entfernen. Seitdem der Innenminister Horst Seehofer die Migrationsfrage als die »Mutter aller Probleme« bezeichnet habe, fühle er sich nicht mehr als Mensch oder Musiker. Sondern als Migrant. Wochen später wird er Twitter tatsächlich löschen, vorübergehend.

Konzerte in Luzern, München, Düsseldorf Antwerpen.

Pianisten, die viele Konzerte geben, spielen in einem gewissen Zeitraum oft dasselbe. Levit gibt in manchen Monaten zehn Konzerte. Und fast jedes Mal spielt er ein anderes Programm. Er sagt, es seien ja auch jedes Mal andere Orte, andere Menschen.

Er sagt: »Ich kann Privatleben gerade noch buchstabieren.«

Das wenige Privatleben besteht zum Großteil aus Sport. Bloß nicht wieder pummelig werden. Gerade hat er ein Intervalltraining für sich entdeckt. Das helfe auch gegen Jetlag. Aber eigentlich dürfe keiner wissen, dass er auch mit Hanteln trainiere. Gift für Pianistengelenke.

*

Frühjahr 2019. Levit muss Beethoven aufnehmen. 2020 ist Beethoven-Jahr, der 250. Geburtstag. Bis März will Levit mit der Aufnahme aller 32 Sonaten fertig sein. Neun CDs, sechs Stunden Musik. Er sagt: »Das ist die Quintessenz meiner letzten 15 Jahre.«

Eine CD-Aufnahme gehört zu den bedeutenden Stationen in der Biografie eines Musikers. Sie ist eine Visitenkarte. Der Musiker hält auf einer CD etwas fest, das länger Gültigkeit haben soll als ein Konzertabend.

Sie haben den Leibniz-Saal in Hannover gemietet, einen Konzertsaal in Schuhschachtel-Form. Viel Weiß, viel Holz. Unten steht der Flügel, auf dem Levit jetzt spielt, oben, in einer Kammer, hat der Tonmeister seine Geräte verkabelt. Er ist ein fröhlicher, runder Mann mit scharfen Ohren, der auf seinem winzigen Bildschirm sieht, wie Levit am Flügel sitzt. Der Tonmeister spricht durch ein Mikrofon, als wäre er Gott und würde aus dem Himmel zu den Menschen da unten auf der Erde reden, zu seiner Schöpfung.

Tonmeister sind enorm wichtig für Musikaufnahmen, ähnlich wie Cutter beim Film, und dieser gehört zu den Könnern, er ist begehrt bei den großen Pianisten.

Der Tonmeister ruft: »Komm mal rauf. Wir hören es uns an.«

Levit drückt die Tür auf und lässt sich neben dem Mann auf einen Sessel fallen. Er trinkt Wasser aus einer großen Flasche.

»Kennst du Intervallfasten?«, sagt Levit.

Man isst tage- oder stundenweise nichts.

»Ich mache Intervallfasten«, sagt Levit. »Auf solche Ideen kommt man, wenn man eine Passage spielt, die ein Vierjähriger besser könnte.«

Griff zum Handy.

Levit: »Wie hat das Meister Friedrich gespielt?« Aus den Handylautsprechern scheppern ein paar Takte von Friedrich Gulda. Dann Alfred Brendel. Noch ein anderer Beethoven-Meister, Artur Schnabel. Dann startet der Tonmeister den Mitschnitt auf seinem Computer. Das, was Levit gerade gespielt hat.

Levit: »Ich will, dass hier die Sonne aufgeht.«

Tonmeister: »Hier bist du zu breit. Danach kannste mehr machen.«

Levit: »Das. Ist. Kein. Piano.«

Tonmeister: »Vom Tempo her: zu langsam.«

Levit legt seinen Kopf auf die Schulter des Tonmeisters.

Tonmeister: »Das ist gut. Gut!«

Levit: »Vom Grundgefühl ist das ganz gut. Oder?«

Was haben sie miteinander zu tun – Igor Levit, @igorpianist und Beethoven?

Igor Levit wechselt im Gespräch in Hochgeschwindigkeit zwischen Themen und emotiona-len Zuständen. Er kann sehr witzig sein und im nächsten Moment sehr ernst.

@igorpianist rast vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump zum amerikanischen Schriftsteller James Baldwin, zu den Klimaaktivisten von »Fridays for Future«, zur Idee, er könnte Intendant der Bayreuther Festspiele werden, zu Freunden, die er vermisst, zu dem englischen Roman Middlemarch aus dem 19. Jahrhundert, zu Diskussionen über den rauen Ton auf Twitter und dazu, dass er sich vor seinem fingerverknotenden Programm bei den Salzburger Festspielen Mozartkugeln nicht verkneifen kann.

 

Und Beethoven? Rast auch, zwischen Impulsivität und Disziplin. Opus 111, die Arietta: Der ganze Satz ist ein einziger Ausnahmezustand. Mittendrin spaziert Beethoven durch emotionale Welten wie jemand, der in milder Altersweisheit auf sein Leben zurückblickt. Dann auf einmal: absolute Hochstimmung.

 

Levit spielt Beethoven leiser, zärtlicher als andere. Dann wieder irrwitzig schnell und laut.

 

Irgendwie passt Beethoven zu Levit, zur Disziplin, die hundert Konzerte im Jahr und ein CD-Großprojekt abverlangen, und zur Impulsivität, mit der er mehrere Tausend Tweets im Jahr schreibt, vor denen er sich manchmal selbst zurückziehen muss. Levit und Beethoven, das ist Raserei. Und zugleich: Suche nach Ruhe. Der schwerhörige Beethoven litt unter quälenden Ohrgeräuschen und einer Überempfindlichkeit für Schall.

 

Levit sagt: »Wenn ich Beethoven spiele, falle ich in mich zurück.«

 

@igorpianist hat zwei Wochen ausgehalten, jetzt twittert er wieder.

 

Levit hat eine Idee, wie er das Geld der Gilmore Foundation für ein musikalisches Projekt ausgeben kann – und gleichzeitig für eine politische Sache. Die Idee ist noch unausgereift.

 

Er ist darauf gekommen, als er über den G20-Gipfel vor zwei Jahren in Hamburg nachdachte. Der G20-Gipfel ist ein Ereignis, das Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugung mit unterschiedlichen Dingen in Verbindung bringen. Die einen denken an Autonome, die auf der Elbchaussee randalieren. Die anderen daran, dass sich die Staats- und Regierungschefs in der Elbphilharmonie verbarrikadierten.

 

Levit gehört zu den Menschen, die an Letzteres denken. Gespielt wurde Beethovens Neunte – schon wieder Beethoven –, der vierte Satz beinhaltet jene Ode an die Freude, die Levit beim Grünen-Parteitag spielte, es ist die Europahymne.

 

In der Elbphilharmonie waren der amerikanische Präsident Donald Trump, der russische Präsident Wladimir Putin, der chinesische Staatschef Xi Jinping und der saudi-arabische Staatsminister Ibrahim al-Assaf unter den Zuhörern. »Menschen, die Demokratie gerade mal buchstabieren können!«, sagt Levit. »Pervers. Totaler Missbrauch, eigentlich.«

 

Levit überlegt nun, mit dem Geld der Gilmore Foundation ein neues Kunstwerk in Auftrag zu geben, das so etwas sein soll wie Beethovens Neunte, aber verankert in der heutigen Zeit, geschaffen von heutigen Künstlern. Ein Werk, das Wort und Musik verbindet. Etwas Großes. Aber wie genau soll das funktionieren?

 

Verabredung mit Levit in einer Hotelbar in Heidelberg. Die Pressedame hat darum gebeten, das Thema Gilmore nicht anzusprechen. »Er bekommt Panik in den Augen.« Es sei gerade zu viel für zehn Finger.

 

Konzertpianisten sind oft in Hotelbars. In dieser liegt ein schwerer Lilienduft über weiß gedeckten Tischen.

 

Igor Levit sagt: »Ich bin total übersäuert.«

 

Er löffelt Kartoffelbrei und versucht den Barpianisten auszublenden, wie er sagt. Einmal, das war in London, war er so genervt vom Spiel eines Barpianisten, dass er diesen gebeten hat, ihm das Klavier zu überlassen, zur Freude der Gäste, zum Ärger des Hotelchefs. Levitbekam ein Jahr Hausverbot.

 

Im Kopf die Bitte, nicht den Gilmore-Award anzusprechen.

 

Nach fünf Minuten kommt ein rotblonder Mann um die Ecke. Levit muss ihn spontan dazugebeten haben.

 

Es ist der neue Präsident der Gilmore Foundation, der Nachfolger des Mannes, der Levit vor zweieinhalb Jahren ankündigte, er werde nächster Preisträger.

 

Der Präsident hat einen Gedanken zu Levits Überlegungen, mit seinem Preis Grenzen zu sprengen. Er nennt es »Freedom«-Projekt. Sie haben offenbar schon darüber gesprochen. Wie wäre es, wenn Levit, als Heute-Mensch, eine Heute-Technik nutzte? Twitter?

 

Igor Levit schiebt ein Stück Käse in den Mund. Schluckt. Lächelt.

 

Konkreter wird es nicht an dem Abend.

 

 

Vor einem Konzert in Wiesbaden spricht Igor Levit sein Publikum an. Es ist eine schwierige Situation. Wenn Levit Beethoven spielt, dann hört er Aufruhr und Liebe, er hört Musik über das Menschsein, Beethoven, das ist für ihn »die menschlichste Musik überhaupt«. Sie erzähle »von uns und über uns«.

 

Aber was, wenn die Menschen, die da vor ihm sitzen, nur schöne Klänge, Formen und Rhythmen hören wollen und nicht den politischen Appell eines Pianisten?

 

Levit also steht in Wiesbaden auf der Bühne und sagt, er bewundere die Demonstranten in Hongkong, die kritischen Journalisten in der Türkei, die Kapitänin Carola Rackete und die Klimaaktivistin Greta Thunberg. Ihnen sei zu verdanken, dass »nach Jahren des gefühlten politischen Stillstandes und einer um sich greifenden Ohnmacht Hoffnung wiederkehrt.« »Wir dürfen nicht schweigen!«, ruft er.

 

Und das Publikum? Manche schauen nur. Andere klatschen. Eine Frau ruft: »Aufhören! Es reicht!«

 

Levit reicht es noch lange nicht. Ab Oktober ist er Professor. Wenn man ihn fragt, was für ein Professor er sein will, dann antwortet er: »Ich will streng sein. Meine Leute sollen lesen.«

 

Was sollen sie lesen?

 

Von Levit kann man nicht nur ein Buch erwarten.

 

»Tolstoi. Über den Klimawandel. James Baldwin. Kommt darauf an, wer mir gegenübersitzt. Vier Wochen haben sie Zeit, und dann reden wir darüber.«

 

Vielleicht kann das eine Aufgabe sein, die Rolle, die Bedeutung, nach der er sucht, das Bleibende? Eine neue Generation von Musikern auszubilden?

 

Er sagt: »Ich möchte, dass meine Studenten am Ende des Studiums rausgehen mit dem Gefühl, wichtig zu sein. Wichtig für die Welt. Ich möchte ihnen dabei helfen, ihre eigene Rolle in der Welt zu finden und zu leben.«

Igor Levit zieht um. Es ist nicht klar, ob die Transporteure den Flügel über den Baum bekommen, der zwischen der Wohnung und dem Innenhof steht. Levit ist vor drei Jahren hier eingezogen, seitdem ist der Baum gewachsen.

 

Der Flügel, der gleich am Kran hängen wird, zwanzig Meter über dem Asphalt, ist ein D-274-Flügel, ein Konzertflügel, 500 Kilo schwer, 2,74 Meter lang und 1,57 Meter breit, das größte Modell, das die Firma Steinway & Sons herstellt. Der Flügel muss raus, weil Levitrausmuss aus seiner Wohnung in Berlin-Mitte. Es liegt nicht an den Nachbarn. Levit erzählt, der von oben habe neulich geklingelt. Levithatte gerade geübt und fürchtete, der Mann wolle sich beschweren. Aber der Nachbar sagte nur, wie schön er die Musik fand.

 

Levit wurde gekündigt wegen Eigenbedarfs. Er sagt: »Immobilienkapitalismus.«

 

Es ist zehn Uhr am Vormittag, er sinkt auf den übrig gebliebenen Liegestuhl. Seine Pressedame streicht ihm über den Kopf. Sie ist da, um ihn am Umzugstag nicht sich selbst zu überlassen. Levit ist seit halb fünf auf den Beinen. Er sagt, es gebe drei Dinge, über die er gerade nicht reden mag: »Beethoven. Arbeit. Alice Schwarzer.«

 

Schwarzer hatte sich gegenüber einer Muslimin eine Beleidigung geleistet. Sie hat versucht, sie anzufassen. Als die Frau abwehrte, sagte Schwarzer, sie habe gedacht, nur Männer dürften sie nicht berühren.

 

Darüber hat @igorpianist dann getwittert. Diese Tweets hat er später gelöscht. Er hatte sich im Ton vergriffen.

 

Manchmal bekommt er das Gefühl, dass die Sachen, die er auf Twitter schreibt, nicht für die Ewigkeit gemacht sind.

 

Drei kräftige Männer wuchten den Flügel durch die Glastür nach draußen. Der Kranführer auf der Straße senkt den Haken herab. Ein Transporteur klemmt den Flügel an. Ein Ruck. Als der Flügel in der Luft hängt, sitzt Igor Levit schon auf dem Fahrrad, auf dem Weg in seine neue Wohnung.

 

Vielleicht ist das am Ende ein Bild, das nach einem Jahr mit ihm bleibt, das Bild vom Schweben zwischen den Welten. Er würde immer sagen, dass diese Welten nicht voneinander getrennt sind.

 

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weiterlesen:

https://www.zeit.de/2019/39/igor-levit-pianist-ludwig-van-beethoven-politik

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