Igor

„Bei manchen Menschen erahnt man leicht das Kind von früher. Viele klassische Musiker gehören nicht dazu. Bei ihnen hat man den Eindruck, sie wären in Bundfaltenhosen am Instrument geboren worden. Igor Levit sieht man den anarchischen Jungen an, der das Bücherregal ausräumt und ununterbrochen Fragen stellt, so dass man als Eltern erschöpft die Augen schließt, sobald das Kind endlich irgendwo eingeschlafen ist.“

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„Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt“

Der 32-jährige Igor Levit gilt als einer der besten Pianisten der Welt. Damit könnte er zufrieden sein. Levit aber will auch als politischer Mensch wahrgenommen werden. Porträt eines Rastlosen

Einmal erzählt Igor Levit von einer Begegnung mit einer Eule. Es war vor sechs, sieben Jahren, in einem Zoo. Er weiß nicht mehr, wo der Zoo war, aber er erinnert sich sehr genau daran, wie ihn die Eule ansah. Sie fixierte ihn.

„Schau, so.“

Igor Levits Augen sind groß und braun. Meistens wandert sein Blick unruhig hin und her, zwischen dem Display seines Handys und den Menschen, die ihn umgeben. Jetzt hält er den Blick.

„Der absolute Fokus“, sagt er. Pause. „Dann flog sie los.“ Die Eule war weg, und der Moment war verstrichen.

Levit hat einen Ring aus Platin geschenkt bekommen. Er trägt ihn an der rechten Hand. Bevor er Klavier spielt, steckt er den Ring in seine Hosentasche, er würde sonst auf den Tasten klappern. Außen auf dem Ring: ein Eulenkopf. Innen: ein pinkfarbenes Herz und Worte von Beethoven. „Von Herzen zu Herzen“. Es ist, gekürzt, das Motto von Beethovens Missa solemnis. Zu Herzen zu gehen: Das sei der wichtigste Auftrag, sagt Levit. Das Tragische ist: Musik ist flüchtig. Sobald der Pianist die Finger von den Tasten nimmt, ist sie weg.

Wie soll er danach noch den Weg zu den Herzen finden?

Darum geht es: Um einen Künstler, der sich nicht damit abfinden mag, dass so wenig von seinem Werk bleibt, wenn die Musik verklungen ist.

Igor Levit, vor 32 Jahren in Gorki, Russland, geboren, seit 17 Jahren deutscher Staatsbürger, seit bald vier Jahren Berliner (eine Vorstellung seiner Person, die er hassen wird, denn er glaubt, dass Herkunft und Nationalität keine Rückschlüsse auf einen Menschen erlauben), ist derzeit einer der gefragtesten Pianisten der Welt. Manche sagen, er sei der beste.

Tatsächlich gibt es kaum einen anderen klassischen Musiker, der die Menschen im Konzertsaal so sehr in die Gegenwart holt wie Levit. Es ist, als übertrage er seine Konzentration auf sein Publikum. Wenn er in Berlin, Potsdam, Leipzig, München, Wien, London, Paris, New York zwischen zwei Stücken in seiner Versenkung verharrt, dann klatschen die Zuhörer nicht, wie es manche gern tun, um anzuzeigen, dass sie das Werk kennen und wissen, dass es vorbei ist. Sie schauen nicht verstohlen aufs Handy, sie blättern nicht in den Programmheften. Viele bleiben am Ende minutenlang sitzen, bis sie sich wieder aus ihrem Innern hervorgekramt haben. Dann stehen sie auf, um Igor Levit zu applaudieren, der sich, bleich und wie um Jahre gealtert, verbeugt.

Die New York Times urteilte, er erreiche mit jedem Auftritt neue Höhen. Der französische Figaro schien nach Levits erstem Soloabend in Paris überwältigt von seiner „funkelnden Gewalt“ und „extremen Konzentration“. Und als er bei den Salzburger Festspielen auftrat, hob ihn der Kritiker der Salzburger Nachrichten in den Himmel, indem er Bachs Kantate Was Gott tut, ist wohlgetan zitierte – bloß schrieb er: „Was Levit tut, ist wohlgetan.“

Levit = Gott.

Er könnte in den Spiegel schauen und denken: was will ich mehr? Er könnte sagen, was gerade draußen in der Welt passiert, interessiert mich nicht, ich bin Pianist, ich muss üben.

Igor Levit sagt: „Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt.“

Im September 2018 saß Levit mit dem CDU-Politiker und langjährigen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert auf einem Podium in Potsdam und diskutierte über Kulturpolitik. In einem Interview mit der taz sagte er, er würde lieber das Klavierspielen aufgeben als sein politisches Engagement. Er stellte sich vor einem Konzert in der Kölner Philharmonie vors Publikum, das Orchester im Rücken, und sagte, eine Gesellschaft, die sich nicht gegen den Gedanken stelle, dass es Menschen zweiter Klasse gebe, lasse zu, vergiftet, entgeistigt, entmenschlicht zu werden.

Manche sehen in Igor Levit den neuen politischen Künstler überhaupt. Eine Art Günter Grass der Musik. Einen Grönemeyer der Hochkultur.

Wenn man ihn über ein Jahr immer wieder trifft, lernt man einen Musiker kennen, der wie auf tausend Volt auf der Suche nach einer Möglichkeit ist, in der Welt etwas zu bewirken. Nur: Wie schafft man das, wenn man Klavier spielt?

Ein Schriftsteller kann politische Essays schreiben oder Romane in die Themen der Zeit betten und so Debatten auslösen. Ein Popsänger kann eine Platte mit brisanten Texten aufnehmen und auf großen Konzerten gegen die Armut ansingen.

Schon immer hat Kunst versucht, gesellschaftliche Positionen zu beziehen – wenn ein Renaissance-Künstler die Kirche kritisieren wollte, malte er den Heiligen schmutzige Füße.

Igor Levits Kunst aber hat keine Bilder und keine Worte. Man kann in ihr hören, was man will: Sehnsucht, Verzweiflung, Freude, Wut, Liebe, Tod. Musik ohne Text kann Kontemplation und Ansporn sein, Licht und Schatten. Die Musik selbst, zumal klassische, erscheint selten als politisch, niemals ist sie eindeutig. Die meisten Komponisten, deren Werke Igor Levit spielt, sind lange tot. Sie lebten in einer anderen Zeit.

Was sollen Bach, Beethoven, Liszt in der heutigen Gesellschaft bewegen? Wie soll man überhaupt etwas bewegen mit einer Kunst, die zu hören ist und trotzdem stumm bleiben muss?

Nach einem Konzert im Januar 2017, an einem Abend in London, bekam Igor Levit einen Anruf. Er wurde in eine Hotelbar gebeten. Es sei wichtig.

In der Bar wartete der Präsident der amerikanischen Irving S. Gilmore Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung. Der Mann eröffnete dem damals 29-jährigen Levit, dass er für seine pianistische Kraft und als „zutiefst nachdenklicher Künstler“ mit dem Gilmore Artist Award geehrt werde.

Dieser alle vier Jahre verliehene Preis ist hochangesehen und hochungewöhnlich. Es gibt keinen Wettbewerb, bei dem Pianisten gegeneinander antreten, keine Ausschreibung, die dazu auffordert, Aufnahmen einzureichen. Eine Jury beobachtet verschiedene Musikerinnen und Musiker über mehrere Jahre, ohne dass diese davon wissen. Dann fällt sie eine Entscheidung.

Der Preis ist mit 300.000 Dollar dotiert.

Igor Levit sagt: „Meine erste Reaktion war: Ich spende das Geld. Alles. Ich brauche es nicht.“

Aber das Geld darf nicht gespendet werden, es muss in den musikalischen Kreislauf zurückfließen, so steht es in der Satzung. Der amerikanische Pianist Kirill Gerstein beauftragte vom Preisgeld Komponisten mit Werken für Klavier solo. Die Argentinierin Ingrid Fliter richtete in Italien ein Aufnahmestudio ein.

Und Igor Levit?

Er sagt: „Ich muss mir was überlegen, das mir entspricht.“

Er sagt: „Ich will eine Rolle spielen. Ich will auch, dass jeder Mensch weiß, dass er oder sie etwas bewirken kann.“

Das Überlegen wird dauern.

Natürlich ist auch klassische Musik in Wahrheit nicht unpolitisch. Ohne die Marseillaise kann man sich die Französische Revolution nicht vorstellen, und Dmitri Schostakowitschs Leningrader Sinfonie,uraufgeführt während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, wurde weltweit zur Melodie des Antifaschismus.

Die Liste der Diktatoren, die sich der Musik bedienten, ist lang, das berühmteste Beispiel ist Hitler, der Wagner zu seiner Selbstinszenierung nutzte. Andere Komponisten wurden von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt, aber die Nazis hatten diese Methode nicht exklusiv. Bei Stalin wurde missliebige Musik mit dem Argument verboten, sie sei „formalistisch“.

Die Musik kann sich gegen solche Zuschreibungen nicht wehren. Überhaupt lässt sich ein und dieselbe Musik auf unterschiedliche Art und Weise aufladen.

Da ist etwa die Symphonische Dichtung Les Préludes von Franz Liszt, geschrieben nach Gedichten des Franzosen Alphonse de Lamartine. Aus ihr lösten die Nationalsozialisten 1941 ein Thema heraus und nutzten es als Erkennungsfanfare der Wehrmachtsmeldungen, für Erfolgsnachrichten aus einem Vernichtungskrieg.

Der Philosoph Ernst Bloch nannte die Musik eine „Hure, die mit jedem Text geht“.

Nach den Erfahrungen der Nazi-Zeit hatte sich die klassische Musik vorübergehend entpolitisiert. Politik war verdächtig geworden, lieber widmete man sich der puren Ästhetik. Dann kamen die Sechzigerjahre. Der Italiener Luigi Nono führte seine Komposition Die erleuchtete Fabrikin Werkskhallen auf, und der Deutsche Hans Werner Henze komponierte ein Oratorium für den kubanischen Revolutionär Che Guevara. Ende der Neunzigerjahre gründete Daniel Barenboim das Orchester des West-östlichen Divans mit Musikern aus Israel und den palästinensischen Gebieten.

Heute sind wenige klassische Künstler politisch engagiert. Umso mehr ist es Igor Levit. Manchmal scheint es so, als wolle er das Schweigen seiner Kollegen kompensieren, indem er sich besonders häufig einmischt.

An einem Abend im September 2018 sitzt Levit allein in einer umfunktionierten Kirche in Berlin-Kreuzberg am Flügel und drückt zum Warmwerden ein paar Tasten. …

weiterlesen:

https://www.zeit.de/2019/39/igor-levit-pianist-ludwig-van-beethoven-politik

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„Er könnte in den Spiegel schauen und denken: was will ich mehr? Er könnte sagen, was gerade draußen in der Welt passiert, interessiert mich nicht, ich bin Pianist, ich muss üben.
Er sagt: „Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt.“

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