Der Künstler und sein Kritiker

Vor mehr als 20 Jahren floh Ute Lemper vor ihren Kritikern nach Amerika –
jetzt trifft sie C. Bernd Sucher, damals einer ihrer schärfsten Widersacher

Interview: Anita Blasberg, Carolin Pirich
Fotos: Eugenia Maximova/Anzenberger (in der ZEIT)

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„Ihr Artikel hatte so viel Selbstliebe! Sie haben sich selbst in den Himmel gehoben und uns alle in die Scheiße gezogen“ (Ute Lemper )

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Warten auf Ute Lemper. Wir stehen vor der Restaurantterrasse auf dem Pöstlingberg über Linz. Es riecht nach Nadelbaum und Höhe, unten liegt die Donau als graues Band in der dampfenden Stadt; es ist ein heißer Sommerabend. C. Bernd Sucher, legendärer Theaterkritiker der „Süddeutschen“, trägt seine Hermès-Krawatte mit winzigen Elefanten trotzdem perfekt geknotet, das Jackett seines meerblauen Anzugs behält er an, setzen will er sich erst, wenn die Dame da ist. Sucher ist aufgeregt, legt sich den Satz zurecht, mit dem er sie begrüßen will. Sie, die als junges Talent in Deutschland von den Kritikern niedergeschrieben wurde und dann im Ausland Weltkarriere machte. Wir wollen mit ihnen über Kritik sprechen. Sucher war sofort bereit, Lemper sagte zu, sprang ab, nach vielen Überredungs-Mails traute sie sich doch … Da kommt sie: leger, Spaghettiträger, schwarze Hose, Blumenhandtasche. Die Künstlerin vermisst den Kritiker mit einem langen Blick. Sie schaut sich um, sagt: Also gut, dann lasst uns die Fotos hinter uns bringen, solange die Fassade hält.

DIE ZEIT: Frau Lemper, Herr Sucher, schön, dass wir jetzt hier an einem Tisch sitzen! Es gibt da nämlich eine unangenehme Sache, die Sie beide verbindet: das Jahr 1992. Da haben Sie, Herr Sucher, Frau Lemper in einer bösen Kritik als Kunstprodukt bezeichnet. Sie sei eine Barbie-Puppe – perfekt, aber ohne Zauber, ohne Persönlichkeit …
C. Bernd Sucher: Darf ich bitte zuerst etwas loswerden? Liebe Ute, ich freue mich von Herzen, dass Sie sich überwunden haben, den Menschen zu treffen, der solches über Sie geschrieben hat. Aber bitte bedenken Sie, es ist 24 Jahre her, und ich habe gelernt.
Ute Lemper: Ach, mein liebes Kritikerlein, das haben Sie aber schön einstudiert. (tätschelt seinen Arm) Ich kann Sie aber beruhigen: Das alles habe ich längst vergessen. Vor unserem Treffen habe ich Ihren Artikel noch mal gelesen und muss sagen: Mit vielem hatten Sie sogar recht! Dieses Stück …

ZEIT: Es ging um Peter Zadeks Bühnenfassung vom Blauen Engel  …
Lemper: … war eine Katastrophe. Zadek hat sich aus dem Staub gemacht, der französische Regisseur Jérôme Savary hat übernommen. Ein irrer Typ mit Cowboystiefeln und Gehstock. Ich kannte ihn sehr gut, weil ich in Paris in seiner Inszenierung von Cabaret mitgespielt hatte. Da ließ er die Mädchen in Paillettenbikinis tanzen, aus denen die Brüste hüpften, und im Hintergrund brannten Hakenkreuze. Savary ist dreist, aber mutig. Mit Cabaret hat er die Franzosen schockiert. Das Stück funktionierte, aber beim Blauen Engel ging es schief.
Sucher: Furchtbar. Die haben Millionen reingesteckt in diese Produktion. Diese Gigantomanie!
Lemper: Savary hat den Leuten mit seiner Plakativität ins Gesicht geschlagen.

ZEIT: Frau Lemper, hat Sie diese Kritik damals trotzdem verletzt?
Lemper: Was für eine Frage! Ich bin doch ein Mensch. Ich kam am Morgen nach der Premiere in die Theaterkantine. Hatte nicht gefrühstückt, war noch total zerzaust. Wir hatten in der Nacht ja gefeiert. Und dann haben mich alle angestarrt, mir die Kritiken hingelegt. Da ist mir der Kaffee im Halse stecken geblieben …
Sucher: Es gab auch noch schlimmere Rezensionen als meine.

ZEIT: Aber Ihre Kritik, Herr Sucher, war vernichtend.
Lemper: Vernichtet hat Sucher mich ganz sicher nicht, das haben auch all die anderen nicht geschafft. Ich habe in den letzten 25 Jahren eine wunderbare Karriere gehabt, ich habe mich meinem Beruf hingegeben, mit Körper, Geist und Seele. Je ne regrette rien. Ich habe sogar die verhunzte Produktion des Blauen Engels genossen und meinen Part so gut gespielt, wie es mir in dieser unglücklichen Inszenierung möglich war.

ZEIT: Herr Sucher, finden Sie sich im Nachhinein eigentlich selbst gemein?
Sucher: Auf der einen Seite finde ich meinen Text, wenn ich ihn jetzt lese, immer noch gut geschrieben. Auf der anderen Seite denke ich, was ich über Ute Lemper geschrieben habe, das mit Nachtigall und Krähe und so … Na ja, ich glaube, ich wäre heute nicht mehr so verliebt in meine Formulierungen …
Lemper: Ihr Artikel hatte so viel Selbstliebe! Sie haben sich selbst in den Himmel gehoben und uns alle in die Scheiße gezogen.
Sucher: Moment, ein Kritiker muss sich positionieren, sonst wäre es ja langweilig! Ich war immer ein Fan von Reich-Ranicki: Das Buch ist schlecht, zack, das zerreiß ich.
Lemper: Was für ein unverschämtes Weltbild! Sie haben genau das gemacht, was Savary beim Blauen Engel gemacht hat: mit Plakativität gewinnen wollen.

ZEIT: Waren Sie an diesem Abend verärgert oder gereizt, Herr Sucher?
Sucher: Natürlich, ein Kritiker hat sicher auch eine Tagesform. Wenn ich verliebt bin, finde ich jede Aufführung ganz klasse. Wenn ich mich von meinem Freund oder meiner Freundin getrennt habe, ist Romeo und Julia das fürchterlichste Stück, das es gibt. Aber an diesem Abend, das weiß ich noch, war ich nicht schlecht drauf. Ich hatte diesen Film mehrfach geguckt und mich wirklich auf die Bühnenfassung gefreut. Und dann hat mich diese Protzerei schlicht abgestoßen.

ZEIT: Trotzdem haben Sie und Ihre Kollegen sich vor allem auf Ute Lemper gestürzt. Warum?
Sucher: Ja, warum? Weil sie von all diesen nicht brillierenden Leuten auf der Bühne die spannendste war. Ute, wenn Sie in allen Verrissen im Zentrum standen, zeigt das, wie stark Sie waren!
Lemper: Ich glaube, es kam vieles zusammen: Ich war damals die einzige Künstlerin, die schon internationalen Status hatte, Marlene Dietrich war gerade gestorben. Also hat man mich zum schwarzen Schaf dieser Aufführung gemacht, und das musste ich als sehr junger Mensch tragen. Zum Glück bin ich ein freier Geist, und diese verdammte, sehr deutsche Hetzerei hat keine größeren Wunden hinterlassen.

ZEIT: Frau Lemper, Sie waren damals …
Lemper: Ich war zwar noch jung, keine 30, aber zum Glück schon sehr etabliert. Meine Karriere ging 1987 los, in Paris. In Frankreich war ich auf den Titelseiten von Libération, von Le Monde, später hieß es auch in Deutschland: Die neue Marlene Dietrich, blablabla. Völlig übertrieben.

ZEIT: Eine ziemliche Fallhöhe.
Lemper: Ja. Im Nachschock dieser Kritikwelle zog ich mich in mein Loft in Berlin zurück und malte. Ich hatte mich in die Ölmalerei verliebt und genoss die Stille, denn zu allem Überfluss hatte ich auch noch meine Stimme verloren. Volker Schlöndorff, einer meiner ältesten Freunde, besuchte mich häufig. Er sagte immer nur: „Mensch, Ute, solche Säue.“ Ich hab ihn angefahren: „Hör auf, mich zu bemitleiden. Schau dir lieber mal meine verrückten Ölgemälde an, die beschäftigen mich viel mehr als diese unglücklichen Schreiber da draußen!“

ZEIT: Sie haben damals etwas gemacht, was man als Künstler gemeinhin nicht tut: Sie haben zurück ausgeteilt – die FAZ- Kritikerin als Zimtzicke beschimpft, Hellmuth Karasek als Sexomanen, großväterlich vertrottelt.
Lemper: Ich kann mich daran kaum erinnern. Ich bin nur in vielen Interviews gefragt worden, ach, Frau Lemper, wie geht es Ihnen? Dann habe ich sehr spontan gesprochen. Frei dahergeredet, wie die Kritiker auch frei daherschreiben. Und mal kurz zugestochen.

ZEIT: Herr Sucher, ist es einem Kritiker eigentlich manchmal wichtiger, Applaus von Kollegen zu bekommen, als die Gefühle eines Künstlers zu schonen?
Sucher: Ich gestehe: Für eine pointierte Formulierung bin ich schon mal übers Ziel hinausgeschossen. Ich habe aber nie versucht, mich über Verrisse zu profilieren. Als Kritiker muss man aufpassen, dass man nicht zynisch wird. Das kann leicht passieren, wenn man zum 60. Mal Hamlet macht.
ZEIT: Was meinen Sie mit zynisch?
Sucher: Den Kritikerberuf gibt es nur, weil andere Kunst produzieren. Wenn die da oben auf der Bühne nichts machen, dann ist der Kritiker arbeitslos.
ZEIT: Er ist ein Schmarotzer?
Sucher: Ja, und das ist ihm natürlich bewusst.
ZEIT: Ist der Kritiker auch ein verkappter Künstler?
Lemper: Oft! (lacht)
Sucher: Ich habe während meines Studiums der Theaterwissenschaften und Romanistik alles versucht, um nicht Lehrer zu werden. Ich habe sogar zwei Opern inszeniert, bis ich gemerkt habe: Von allem, was ich nicht kann, kann ich schreiben noch am besten. Das war die Entscheidung. Das Kritikerdasein ist ein Akt der Selbstüberschätzung. Wer war ich denn? Ich hatte gerade noch promoviert, und dann sitz ich plötzlich in Bayreuth und behaupte, ich weiß Bescheid.
ZEIT: Verraten Sie uns, was der Trick des Kritikers ist? Welche Kunst muss er beherrschen?
Sucher: Er muss den Leser in den Stand setzen, ein eigenes Urteil zu fällen. Ein Urteil haben kann jeder Depp, aber nichts ist schwieriger, als eine Aufführung, ein Kunstwerk so zu beschreiben, dass andere Ihr Urteil verstehen.
ZEIT: Was machen Sie, wenn Sie kein Urteil haben?
Sucher: Man mogelt sich drum rum, wobei ich das selten gemacht habe. Die Leser wollen ja eine Meinung. Ich kann das belegen: Zehn Jahre lang fand ich alle Inszenierungen von Nestroy schrecklich. Dann habe ich festgestellt, dass das nicht an den Theaterleuten liegt, sondern an mir. Ich kann mit dem Autor einfach nichts anfangen. In einem großen Artikel habe ich zugegeben, dass ich mich geirrt habe: Es könne nicht sein, dass sieben große Regisseure Idioten sind, und Bernd Sucher ist es nicht. Ich habe gedacht, die Leser freuen sich über meine Ehrlichkeit. Aber sie schrieben mir, ich solle doch bitte bei meiner Meinung bleiben. Die Leute wollen eine unfehlbare Instanz.
Lemper: Wie schwach! Sie brauchen einen Gott, der ihnen sagt, was sie denken sollen!

ZEIT: Und Sie, Frau Lemper – wenn Sie sich einen idealen Kritiker backen könnten: Wie sähe der aus?
Lemper: Von einem Kritiker verlange ich nicht mehr, als dass er Intelligenz hat, auch die des Herzens. Er soll, bitte schön, ein gebildeter und sensibler Mensch sein, der sich trotz der tausend Produktionen, die er sich reindrückt, noch seine Berührbarkeit erhält.
Sucher: Da haben Sie einen Punkt: Dieser Beruf nimmt einem, wenn man nicht aufpasst, die Leidenschaft.
Lemper: Wie schade für Sie! Mein Beruf erhöht die Leidenschaft in jedem Glied des Körpers. Aber Moment, ich dachte zumindest doch, der Kritiker liebt die Kunst!
Sucher: Das ist hübsch, dass Sie das denken.
Lemper: Dann verstehe ich nichts mehr. Es ist doch ein Privileg, gratis ins Theater, ins Konzert gehen zu können, um darüber zu schreiben. Das ist besser als Zahlen hin und her zu schieben wie ein Banker!
Sucher: In der Theorie ja, in der Praxis werden Sie in der Redaktionskonferenz dazu verdonnert, sich etwas anschauen zu müssen …
Lemper: Müssen? Die Menschen auf der Bühne wollen den Zuschauern etwas geben. Denen gebührt zumindest mein Respekt.
Sucher: Meine Liebe, Sie dürfen Ihre wunderbare Haltung nie verlieren.
Lemper: Sie sind ja vielleicht abgebrüht. Aber irgendwo verstehe ich Sie: Wenn ich am Broadway achtmal in der Woche dasselbe Stück gespielt habe, hing mir das auch zum Halse raus. Man schaltet auf Autopilot. Ich bekam psychosomatische Probleme davon.

ZEIT: Machen Sie sich eigentlich ein persönliches Bild von Ihren Kritikern? Kennen Sie sie namentlich?
Lemper: Nein. Aber Sie, Bernd, hätte ich mir ganz anders vorgestellt! Sie sind ein Lebensliebhaber, denke ich, fulminant. Ich hätte eher einen Bürokraten mit kleiner Brille erwartet, der im Büro obsessiv seine Erbsen zählt.
Sucher: (leicht errötend) Oh, danke.
Lemper: Ich würde ganz gern etwas mehr über Sie erfahren, Bernd, Persönliches.
Sucher: Wirklich? Ich lebe mit einem Mann zusammen, den ich seit 33 Jahren kenne …
Lemper: Seid ihr verheiratet?
Sucher: Dieses Jahr feiern wir den 14. Hochzeitstag. Er ist Jurist, wir haben ein großes Bauernhaus im Chiemgau.
Lemper: Das ist ja wesentlich exotischer, als ich es mir vorgestellt habe!
Sucher: Meine Mutter ist Jüdin und hat das Vernichtungslager Majdanek überlebt. Mein Vater stammt aus einer protestantischen Kirchendynastie, und beide mussten sich vor ihren Familien schämen, dass sie den jeweils anderen heirateten.
Lemper: Hatte Ihre Mutter die Arme tätowiert?
Sucher: Ja.
Lemper: Hat sie sich geschämt?
Sucher: Nein, sie hat kaum darüber geredet. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass sie aus dem KZ mithilfe eines Grafen floh. Der hat meine Mutter gerettet, weil er sie toll fand. Als er ihrer dann überdrüssig wurde, ging meine Mutter mitten im Krieg nach Leipzig zurück und wurde beim Bürgermeister vorstellig: „Ich will das Haus nicht wiederhaben, aber ich brauche einen Pelzmantel.“ Der Bürgermeister hätte sie auf den nächsten Zug nach Auschwitz schicken können. Aber er hat sie versteckt.
Lemper: Eine unglaubliche Geschichte! Wissen Sie, dass ich gerade ein neues Programm in New York vorbereite? Es heißt Lieder für die Ewigkeit, ausschließlich mit Liedern aus den KZs und Ghettos, fast alle in Jiddisch. Ich habe großen Drang, mich mit dieser Vergangenheit zu beschäftigen.

ZEIT: Pflegen Sie beide eigentlich Freundschaften mit dem jeweils anderen Berufsstand?
Lemper: Nein, das fände ich vollkommen unpassend, zumindest in Deutschland.
Sucher: Ich lasse den persönlichen Kontakt zu Künstlern auch erst zu, seit ich nicht mehr Kritiker bin, sondern selber mit meinem Programm Suchers Leidenschaften auf der Bühne stehe. Als Kritiker auf der Premierenparty mit anstoßen: grauenhaft! Ich halte das für eine Frage der Sauberkeit im Umgang.
Lemper: Auch eine Form von Loyalität.
Sucher: Man schreibt ja auch nicht für die Künstler, sondern für die Menschen, die das lesen. Ihnen fühlte ich mich verpflichtet. Die Zeitung kostet Geld.

ZEIT: Der Kritiker sitzt im Schatten des Zuschauerraums, der Künstler setzt sich im Scheinwerferlicht seinem Urteil aus. Ist der Beruf des Kritikers feige?
Sucher: In gewisser Weise ja. Es gab da einen Moment, als mir das klar wurde. Ich habe mich einmal in einem Vortrag über die Erotik bei Elfriede Jelinek lustig gemacht. Die Zuschauer lachten, ich freute mich. Plötzlich schaute ich in die Loge, und dort saß: Frau Jelinek! Ich wurde plötzlich ganz leise. Ich wollte nur noch weg. Wenn Sie etwas über jemanden in der Zeitung formulieren, ist das eine völlig andere Sache, als wenn Sie Ihre Meinung jemandem ins Gesicht blasen.
Lemper: Feige? In diesem Beruf habt ihr Macht! Ihr schreibt etwas, das von Hunderttausenden gelesen wird. Euer Job ist es eigentlich zu informieren; oft aber nutzt ihr eure Position, um zu manipulieren.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, Herr Sucher, lieben sei schwieriger als hassen.
Sucher: Dabei bleibe ich: Ein Lob ist schwieriger zu schreiben als ein Verriss. Es genügt nicht zu schreiben: Ute Lemper war faszinierend. Sie müssen es den Leser fühlen lassen. Und positive Adjektive sind schnell verbraucht und klebrig.

ZEIT: Ist es eigentlich für einen Künstler besser, verrissen als gar nicht wahrgenommen zu werden?
Sucher: Das ist das Schlimmste.
Lemper: Nein, da widerspreche ich: Lieber gar kein Kritiker in der Vorstellung als einer, der nicht versteht, was da oben auf der Bühne passiert, und es respektlos verschandelt.
Sucher: Der Schriftsteller Frank Wedekind hat sich mal gefragt, warum Kritiker so boshaft sind. Seine Antwort: weil Sänger und Schauspieler mehr verdienen als sie. Wenn man als Kritiker nicht berühmt wird, wird man irgendwann neidisch. Natürlich ist es schöner, Ute Lemper zu sein als Kritiker der Schwäbischen Zeitung.
Lemper: Das stimmt doch nicht. Die meisten Künstler leben von lächerlichen Gagen. Aber der Kritiker gewinnt durch das Schreiben über sie Ruhm und Anerkennung.
Sucher: Das sind in Deutschland fünf Menschen.
Lemper: Stars in ihrem Genre!
Sucher: Aber das Publikum liebt nicht sie, sondern die Schauspieler, ob in Ulm oder Kiel oder sonst wo. Denen wird applaudiert. Der Kritiker, der in Trier mit 2000 Euro im Monat nach Hause geht – was hat denn der? Nichts. Der kriegt nicht einmal einen Leserbrief.
Lemper: Sie wollen berühmt sein, Bernd? (lacht ) Sie sind ein Schreiberling!
Sucher: Natürlich wollen wir Schreiber geliebt werden. Wie ihr Künstler auch!
Lemper: Aber wir Schauspieler und Sänger sind doch nicht auf der Bühne wegen des Applauses.
Sucher: Nein?
Lemper: Applaus ist Halluzination! Der Zuckerguss auf der Torte. Es geht um den Moment, in dem sich auf der Bühne und in der Musik die Seele offenbart. Um das Greifen in die Sterne und in die tiefsten Fragen. Wir leben wirklich in parallelen Welten, Bernd. Mein Beruf geht mir im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen. Mit all dem Schmerz, den wir Künstler im Leben empfinden, werden wir zum Medium eines universellen Schmerzes. Und durch unsere Sensibilität, unsere Durchlässigkeit vermitteln wir dem Zuschauer etwas vom Leben.
Sucher: Ich gebe Ihnen ja recht: Das ist eine weit größere Leistung, als Kritiken zu schreiben.
Lemper: Es ist ein größeres Opfer! Wir öffnen sämtliche Türen. Aber auch ich habe meine Zweifel und Unsicherheiten, und ab und zu schau ich mal in das Paralleluniversum, um die Zweifel entweder zu bestätigen oder zu vergessen.

ZEIT: Sie sind heute ein Weltstar. Sind Sie immer noch neugierig auf das, was Kritiker Ihnen zu sagen haben?
Lemper: Aber ja. Es kam vor, dass ich die Psychologie meiner Figur, ein entscheidendes Puzzlestück, durch die Perspektive eines Kritikers neu definiert habe. Was ich mittlerweile ausblende, ist alles, was zu pauschal ist, zu persönlich. Es gilt aber: Ich muss die Machtposition des Journalisten aushalten.
Sucher: Noch mal, meine Liebe: Es ist eine Mär mit der Macht. In der Kunst überleben die Künstler, nicht die Kritiker. Der Kritiker ist eine ziemlich armselige Existenz.
Lemper: Mich interessiert nicht der Kritiker als Mensch. Mich interessiert der Kritiker in seiner Rolle, die ihm die Macht verleiht, Rufmord zu begehen. Einen Künstler in der öffentlichen Wahrnehmung zu töten.
Sucher: Sie überschätzen unsere Wirkung. Das meiste, was die Menschen lesen, haben sie am nächsten Tag vergessen …
Lemper: Nein, das vergessen die Menschen nicht. Die glauben, was sie lesen. Nehmen Sie nur die Sache mit dem Blauen Engel: Wäre ich nur eine deutsche Künstlerin gewesen, ohne Standbein in Paris, ohne Angebote aus New York – das alles hätte mich vernichtet!

ZEIT: Sie sprachen damals sogar von Hexenverfolgung. Sagen Sie rückblickend, dass diese Kritiken Ihr Leben beeinflusst haben?
Lemper: In gewisser Hinsicht, ja. Ich hatte einen Riesenbammel, als ich ein Jahr später im Berliner Friedrichstadtpalast aufgetreten bin. Es war rappelvoll, 2500 Zuschauer. Am Schluss Standing Ovations. Mir blieb die Luft weg, ich konnte minutenlang nicht sprechen. Ein Jahr zuvor hatten die Leute so viel Furchtbares über mich gelesen, und jetzt zeigten sie mir, dass sie mich lieben. Dieser Moment war überwältigend, wahrhaftig, ein Stück Leben und Schönheit, viel größer als jede Kritik.

ZEIT: Wie macht man sich unabhängig von den Urteilen anderer?
Lemper: Ich musste das früh lernen. Ich war noch ein Kind, als ich mich aus der katholischen Enge meines Elternhauses befreit habe. Mit 13 wurde mir bewusst, dass nur ich allein dafür verantwortlich bin, mein Leben zu leben. Für mich war immer klar: Mein Glück liegt im Leben und auf der Bühne und nicht in einer fremden Beschreibung dessen.
Sucher: Wenn du offen sagst, wer du bist, kann dir wenig etwas anhaben. Ich habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich ehrgeizig und eitel bin.
Lemper: Auch Kinder lehren einen Unabhängigkeit. Was ist schon eine Kritik gegen 40 Grad Fieber deines Kindes? Vier Kinder habe ich geboren und aufgezogen, viermal habe ich meinen Blickwinkel auf das Leben geändert. Du fragst dich: Wie bin ich eine gute Mutter? Jeder konfrontiert dich mit seiner Meinung dazu. Aber du musst dir deine Maßstäbe selbst setzen.
Sucher: Ich habe mich auch früh offen zu meiner Homosexualität bekannt. Als ich bei der Süddeutschen Zeitung angefangen habe, sagten die: Bringen Sie Ihre Freundin gern mit. Ich sagte, ich habe keine Freundin, aber einen Freund.
Lemper: Jetzt haben Sie aber eine Freundin!
Sucher: Sie?
Lemper: Genau!

ZEIT: Der berühmte Nestroy hatte einen Kritiker, der ihn sein Leben lang hart angegangen ist. Und am Ende, als der Kritiker schwer krank wurde, hat Nestroy sich finanziell um ihn gekümmert. Die Geschichte einer Aussöhnung …
Lemper: Muss ich Sucher dann die Füße waschen?
Sucher: Das wird jetzt schon angemeldet!
Lemper: Ich schiebe seinen Rollstuhl. Und schubse ihn den Berg runter. Huch, ich wusste ja gar nicht, dass es da runtergeht. Tschühüss!

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN ANITA BLASBERG UND CAROLIN PIRICH

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Lebensläufe
Ute Lemper, 1963 in Münster geboren, studierte Schauspiel am Wiener Max Reinhardt Seminar. Berühmt wurde sie mit Rollen in den Musicals „Cats“ und „Cabaret“, später wurde sie für ihre Kurt-Weill-Chansonabende gefeiert. Anfang der neunziger Jahre zog sie nach New York und wurde am Broadway zum Weltstar. Sie spielte in Filmen von Peter Greenaway („Prosperos Books“) und Robert Altman („Prêt-à-Porter“). Heute lebt sie mit ihrem Mann und vier Kindern in Manhattan. Für ihre aktuelle CD „The Seven Secrets“ vertonte sie Gedichte von Paulo Coelho.C.
Bernd Sucher, 1954 in Bitterfeld geboren, war 26 Jahre lang Theaterkritiker der „Süddeutschen Zeitung“. Seit 1997 leitet er den Studiengang Theater-, Fernseh- und Filmkritik an der Münchner Filmhochschule. Gerade erschien sein Buch „Wie es euch gefällt – Der kleine Theaterversteher“.
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Erscheinen in der ZEIT, Do 15.09.2016, Seite 58

 

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