„Wenn’s Kunst ist, kann’s bleiben.“

WIE WIR REDEN 

Wir sind in Berlin umgezogen, in einen Neubau, 21 Parteien. Die Bewohner haben einen E-Mail-Verteiler eingerichtet, über den sie sich rege austauschen. In der Nacht hat ein Unbekannter etwas auf die Hauswand geklebt. Am Morgen findet sich dazu eine E-Mail im Posteingang.

Erster Nachbar: Unsere Fassade wurde durch einen „Künstler“ verändert. Es wurde eine Art Fliese befestigt. Was machen wir: Hausmeister informieren? Hausverwaltung? Polizei? Ich denke nicht, dass man sie rückstandsfrei entfernen kann. Anbei das Foto.

Das Foto zeigt eine rechteckige bedruckte Kachel an der Hauswand. Auf der Kachel sind Kleiderbügel zu sehen. An zwei Bügeln hängt ein Kleidungsstück.

Zweiter Nachbar: Ich würde es dranlassen. Eventuell ist eine Wertsteigerung zu erwarten. Wenn man es abmacht, sieht es möglicherweise schlimmer aus.
Dritter Nachbar: Eigentlich sollten wir von einem „Künstler“ gefragt werden, bevor er unsere Fassade verändert – der nächste „Künstler“ kommt dann mit Spraydose und Hammer und eigenen Vorstellungen von Ästhetik.
Zweiter Nachbar: Auch das Nicht-Fragen kann künstlerischer Inhalt sein …
Vierter Nachbar: Von einem Sprayer ist die Fliese weit entfernt. Sie ist ziemlich professionell gemacht. Wenn Kunst von Können kommt, könnt ihr die Gänsefüßchen vom Künstler in Zukunft weglassen.
Zweiter Nachbar: Da sollten wir wohl drüber abstimmen.
Erster Nachbar: Der Weg zum Vandalismus ist nicht so weit, einmal angefangen … An unserem Balkon wurden Abziehbilder angebracht, Bierflaschen abgestellt, Kaffeebecher entsorgt. Auch diese entferne ich sofort. Ich erkenne da schon eine Steigerung. Wir sehen hier keine Abstimmungsnotwendigkeit. Wir wollen lediglich Folgekosten vermeiden. Dritter Nachbar: Es ist eine Sachbeschädigung. Daher Anzeige gegen unbekannt?
Zweiter Nachbar: Das mit eurem Balkon tut mir leid, eine kunstvoll gefertigte Fliese ist aber eine andere Kategorie, als Sticker ranzupappen oder Bierflaschen abzustellen. Daher ->Abstimmung.

Am frühen Nachmittag, die Kinder kommen aus dem Kindergarten zurück. Der Vierjährige, der immer alles entdeckt, entdeckt nun also auch die Kachel.

Der Vierjährige: Was ist das?
Ich: Das ist Kunst. Meine ich.
Der Vierjährige: Was ist Kunst?
Die Zweijährige: Kunst?
Ich: Kunst ist, wenn etwas nicht unbedingt einen Zweck erfüllt, uns aber trotzdem etwas sagt. Es macht etwas mit uns. Man kann sich aber sehr darüber streiten.
Der Vierjährige: Ich will das mal sehen!
Die Zweijährige: Ich auch sehen!

Ich hebe den Vierjährigen hoch. Er betrachtet die Kachel mit ernstem Gesicht. Sie ist peinlich akkurat angebracht.

Der Vierjährige: Das sind Kleiderbügel. Mit was dran!
Die Zweijährige: Will auch sehen!
Der Vierjährige: Sind Kleiderbügel Kunst?
Ich: Das kommt auf den Zusammenhang an. In dem Fall würde ich sagen: ja.
Die Zweijährige (fordernder): Will auch sehen!

Ich setze den Vierjährigen ab, hebe die Zweijährige hoch.

Die Zweijährige: Eine Jacke! Eine Jacke hängt da!
Der Vierjährige: Wer hat das gemacht?
Ich: (die Kleine absetzend) Ein Künstler.
Der Vierjährige: Warum hat der Künstler das gemacht?
Ich: Vielleicht macht es ihm Spaß. Oder er kann nicht anders. Vielleicht will er damit den Häusern auch etwas Besonderes geben. Es könnte sein, dass er glaubt, unser Haus braucht seine Kachel.
Der Vierjährige: (schaut zur Kachel) Ich will noch mal sehen!
Ich: (hebe ihn hoch) Es gab mal einen Künstler, der hat an bestimmte Häuser eine Banane gemalt.
Der Vierjährige: Keine Kleiderbügel?
Ich: Nein, eine gelbe Banane. Er kam deshalb sogar mal ins Gefängnis. Aber andere nannten die Banane Urban Art, sie mochten das, und schließlich sagten die Leute: Oh, da ist eine Banane am Haus. Da muss gute Kunst drin sein.
Der Vierjährige: Ich mag Bananen!
Die Zweijährige: Ich will auch eine Banane!

Am Abend ist eine Ecke von der Kachel an der Hauswand abgebrochen. Ein Nachbar entschuldigt sich dafür, er habe nur sehen wollen, wie fest sie angebracht sei. Es laufen weitere E-Mails über den Hausverteiler.

Erster Nachbar: Ich bin dafür, dass die Kachel bleibt. Außerdem wäre nach dem Entfernen der Putz auszubessern.
Zweiter Nachbar: (aus dem Urlaub) Ohne spießig wirken zu wollen: Wir sollten sie entfernen. Ist das ein Fall für die Gebäudeversicherung?
Dritter Nachbar: Ich hab mir die Fliese genau angeschaut und das Internet befragt. Es befindet sich nämlich eine Signatur und eine Nummer am Werk. Es handelt sich also um ein Unikat.
Vierter Nachbar: Ja, wenn’s Kunst ist, kann’s nicht weg. Ich stimme für Dranlassen.
Zweiter Nachbar: (aus dem Urlaub) Bei Kunst muss ich meine Meinung revidieren. Die Kachel kann bleiben.
Fünfter Nachbar: Es lebe die Kachel!

***
Erschienen in: DIE ZEIT, 28.9.2017

 

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