Klassischer Krimi

Seit Kurzem gehört die US-Geigerin Anthea Kreston zum weltberühmten Artemis Quartett. Ein Traum – bis zu dem Tag, an dem ihr der wichtigste Gegenstand ihres Lebens gestohlen wird

TEXT
Carolin Pirich
FOTOS
Urban Zintel

Als der ICE 279 an einem Dienstagnachmittag Mitte Juni 2016 im Bahnhof Mannheim einfährt, verlässt die Amerikanerin Anthea Kreston für etwa vierzig Sekunden ihren Sitzplatz und begeht damit einen schlimmen Fehler.
Sie schiebt ihren Geigenkasten in die Gepäckablage oberhalb der Sitze und schaut sich um: Der Großraumwagen ist gut besetzt. Meistens sitzt sie auf Reisen mit ihren Kollegen zusammen, diesmal haben sie nicht reserviert. Sie sind am frühen Vormittag in Berlin eingestiegen und haben sich auf vier Waggons verteilt. Um Anthea Kreston herum döst einer der Mitreisenden, ein anderer tippt auf seinem iPad. Mit dem älteren Herrn gegenüber hatte sie schon ein paar Worte auf Deutsch getauscht, wer fährt wohin und warum. Sie kennen sich also eigentlich schon ein wenig, findet Anthea. Er trägt einen Sweater und eine Stoffhose. Kreston schätzt ihn auf Mitte sechzig.
Ein paar hundert Kilometer weiter fängt Kreston den Blick des älteren Herrn wieder auf, der am gegenüberliegenden Fenster sitzt. Sie versteht ihn als stille Übereinkunft: Er wird auf den Geigenkasten achten, während sie kurz weg ist. Dabei rechnet sie nicht damit, überhaupt einen Aufpasser zu brauchen. Der Geigenkasten ist abgenutzt, unscheinbar, und er gehört so eng zu ihr, dass sie sich nicht vorstellen kann, er könnte plötzlich verschwinden.
Die Geige in dem Kasten ist einer der wenigen Gegenstände, die Kreston aus ihrem alten in ihr neues Leben mitgenommen hat, vom Leben einer Geigerin aus der Weite Amerikas hinein ins intime, komplizierte Beziehungsgeflecht des berühmtesten deutschen Streichquartetts, des Artemis Quartetts. Nachdem sich der Bratschist Friedemann Weigle 2015 das Leben genommen hatte, suchte das Quartett eine Möglichkeit, die Lücke zu schließen. Der zweite Geiger Gregor Sigl übernahm die Bratsche, und für Sigl wurde nun eine Nachfolge gesucht. Der oder die Neue sollte gut Deutsch sprechen können und in Berlin wohnen. So hatten sie sich das vorgestellt.
Nach einem halben Jahr Suche und 156 Kandidaten und Kandidatinnen fiel die Wahl auf eine sehr große, sehr schlanke, braungelockte Amerikanerin, die mit zwei kleinen Töchtern und ihrem Mann in Corvallis, Oregon, an der Pazifikküste der USA lebte und deren einzige Worte auf Deutsch »Guten Tag« waren. Wenn Kres ton heute davon erzählt, meint man, eine Fee hätte ihren Zauberstab geschwenkt und mit einem Harfenglissando und Glitzersternchen eine Familie aus einer winzigen Stadt in Oregon – inmitten des amerikanischen Hauptanbaugebiets für Haselnüsse – umgetopft in eine Altbauwohnung an einer stark befahrenen Straße in Berlin-Charlottenburg.
Vor einem halben Jahr sind sie umgezogen, und Kreston lässt immer noch Pausen großen Erstaunens, wenn sie in breitem Amerikanisch erzählt, wie sie dem Quartett Ende Januar auf ihrer Geige vorspielte. Sie, ihr Mann und die beiden Töchter hatten danach drei Wochen Zeit, das Haus und zwei Autos zu verkaufen und ihre Kleider in Koffer einund in Berlin wieder auszupacken. Sie habe immer davon geträumt, Teil eines so bedeutenden Quartetts zu sein, bei dem man in die Knie gehe vor den tausend Schattierungen eines Gefühls, die sie in der Musik ausloten. Aber Kreston hat für ausgeschlossen gehalten, dass er sich je erfüllen könnte: Sie, eine amerikanische Frau, die in einem Blog über ihr Leben plaudert, überlaut lacht und nicht in der Lage ist, ihren quäkigen Akzent loszuwerden, als Teil eines Kollektivs, das in seiner Ernsthaftigkeit und Verschlossenheit gegenüber der Öffentlichkeit kaum europäischer sein könnte. Ein Wunder! Ein Lebenstraum! Und jetzt macht ausgerechnet sie, die Neue, die Amerikanerin, den banalen, aber schweren Fehler, im ICE ihren Platz ohne die Geige zu verlassen.
Als Kreston zu ihrem Platz zurückkommt, wirft sie einen routinierten Blick in die Gepäckablage – kurze Kontaktaufnahme mit der Geige, ihrem klingenden, hölzernen Körperteil, aber da ist nichts. Sie sieht noch einmal hin: nichts. Sie schiebt die Koffer beiseite, Kreston ist sehr groß, es fällt ihr leicht, in der Gepäckablage zu kramen
– immer noch nichts. Das Herz pocht von innen gegen die Rippen, der Atem geht schneller. Sie schaut unter dem Sitz nach, blickt in die Gesichter um sie herum, bleibt bei dem älteren Herrn im Sweater gegenüber hängen. Der döst. Sie spricht ihn an: Bitte, sie versucht es auf Deutsch, mein Deutsch ist schrecklich, Entschuldigung, haben Sie meine Geige gesehen? Ein junger Mann, ja, ist vorbeigekommen und hat den Geigen kasten mitgenommen.
Sie schreit nicht: Was !? Sie sagt nicht: Aber warum haben Sie ihn denn nicht aufgehalten?
Kreston atmet aus.
Vielleicht hat einer der Kollegen den Geigenkasten geholt. Eckart Runge, der Cellist. Der ältere Herr hat vielleicht ihn gesehen. Ein Mann mit großen blauen Augen. Kreston würde Runge als jung bezeichnen.
Das Artemis Quartett ist auf dem Weg zu einem Konzert in Freiburg im Breisgau, das dreißigste Konzert, das Kreston mit ihnen spielt, dreißig Konzerte in drei Monaten. Sie finden zusammen, langsam.
Nachdem Friedemann Weigle sich das Leben genommen hatte, sah es zunächst so aus, als würde das Quartett erstarren. So ein Streichquartett ist mehr ist als eine musikalische Formation. Mehr als in einem Orchester, viel mehr als bei einem Solisten verhakt sich im Streichquartett der Beruf mit dem Privatleben, bis es keinen Unterschied mehr gibt. Jeder weiß, wie es im Innern der anderen aussieht. Täglich loten sie Gefühle aus. Überlegen: Ist die Traurigkeit in diesem Takt Leere oder Verzweiflung, Sehnsucht oder Hilflosigkeit? Und wann hast du dich zuletzt so gefühlt?
Als Kreston im November vor einem Jahr eine Facebook-Nachricht mit ihrer Bewerbung für die Stelle an Runge abschickte, schrieb sie nicht von glanzvollen Namen, mit denen sie gespielt hatte, erwähnte keine Wettbewerbe und zählte keine berühmten Säle auf, in denen sie aufgetreten war. Solche Informationen, die in vielen Programmheften über die Musiker zu lesen sind, können beeindrucken, sind aber blutleer. Kreston schrieb, sie habe zwei Kinder und lebe in Oregon, und sie teilte ihre Anteilnahme an Weigles Tod mit. Vielleicht erinnere man sich, schrieb sie, man habe sich vor zwanzig Jahren bei einem Meisterkurs an der Juilliard School in New York kennengelernt, sie sei diese Große mit den vielen Locken. Sie schrieb so echt wie möglich. Sie weiß, was es bedeutet, Teil eines Streichquartetts zu sein. Es bringt nichts, sich zu verstellen.
Ein Streichquartett ist unbedingte Verbindlichkeit. Man plant zusammen, man legt Urlaube gemeinsam fest, auf Jahre im Voraus – es gibt keine zweite Besetzung wie in einem Orchester, die im Notfall einspringen würde. Man macht sich abhängig von drei anderen. Es ist, als würde man eine Expedition zum Mars starten. Wenn das Raumschiff abhebt, gibt es kein Zurück mehr.
Im ICE sucht Kreston das fein geschnittene Gesicht des Cellisten. Sie traut Runge zu, dass er so umsichtig ist, ihre Geige zu holen, auch wenn er zwei Waggons vor ihr sitzt. Runge ist sanft und leise und scheint einem auf den Grund schauen zu können. Vielleicht hat er den Geigenkasten genommen, um zu prüfen, wie cool sie, die Neue, bleiben kann. Das traut sie ihm eigentlich nicht zu, aber sie weiß ja nicht, vielleicht ist das so ein Scherz. Ein Streichquartett, sagt man, sei eine »Ehe zu viert«. Mit allen Nachteilen einer Ehe, aber ohne ihre Vorteile, sagt Eckart Runge, den alle Ecki nennen. Da kann es schon sein, dass sich Schrullen bilden.
Es ist 13:30 Uhr. Noch sechseinhalb Stunden bis zum Konzert. Kreston spürt, wie sie zu schwitzen beginnt. Ecki hat sie nicht. Die Geige ist weg.
Man könnte in so einem Fall auch sagen: Die Hand ist weg. Für einen Musiker muss sich das im ersten Schreckmoment ganz ähnlich anfühlen. Die meisten Musiker suchen ihr ganzes Leben lang nach dem einen, dem wahren Instrument, und wenn sie es gefunden haben, halten sie an ihm fest. Sie verlieben sich in die Farbpalette, in den Witz, die Art, auf das anzuspringen, was der Musiker ihr anbietet. Gregor Sigl, zuvor die zweite Geige, der heute im Artemis Quartett die Bratsche seines verstorbenen Kollegen spielt, findet: Auf einem sehr guten Instrument zu spielen, sei wie eine Unterhaltung mit einem geistreichen, witzigen Menschen. »Man gibt sich Mühe«, sagt er, »aber das, was zurückkommt, ist noch besser.«
Eine Geige ist auch ein Glücksbringer, ein treuer Weggefährte in der immer schneller, härter und anspruchsvoller werdenden Musikerwelt. Der Geiger Frank Peter Zimmermann beschrieb die Beziehung zu seinem Instrument als »Große Liebe«. Als er seine »Lady Inchiquin« im Frühjahr 2015 an den Stifter zurückgeben musste, sprach er von einer »ganz großen Tragödie«. Oder der Cellist Amadeo Baldovino: Nachdem sein Stradivari-Cello, das berühmte »Mara«, 1963 bei einem Schiffsunglück im Rio de la Plata untergegangen und in viele Teile zerfallen war, musste er es identifizieren. Es muss ihm vorgekommen sein, als schaue er in den Cellokasten wie in einen Sarg.
»Meine Geige spricht wie ich«, sagt Kreston. Sie schließt die Tür zu ihrer Wohnung auf, Altbau, Flügeltüren, we nige Möbel. Sie haben keine Möbel mitgenommen. In Chicago ist sie geboren, aus Chicago stammt die Geige. Sie ist mit ihr aufgewachsen. Sie hat diese und keine andere, seit sie 14 Jahre alt ist. Mit ihr spielte sie die ersten Konzerte, mit ihr gewann sie Wettbewerbe – gegen Kandidaten, deren Instrumente 300 000 oder 350 000 Dollar wert sind, viele Male teurer als ihres damals. Es ist, als kenne die Geige jeden Fehler, jeden Glücksmoment, jedes Stück, das Kreston auf ihr gespielt hat.
Der Klang ihrer Geige sei wie die Menschen aus Chicago, sagt sie: mit breiten Schultern, diesem ausladenden Gang, auf eine einfache Weise kompliziert. Sie übertreibt ihr Amerikanisch, klingt nasal, breit, als hätte sie eine heiße Kartoffel im Mund. Wie Anthea Kreston den Kopf in den Nacken wirft. Wie ihre Locken in alle Richtungen wippen. Wie sie lacht, ein weiches, sehr warmes Lachen. Sie hat das, was man bei einer Schauspielerin als Präsenz bezeichnen würde.
Der Großvater hat ihr die Geige geschenkt. In seinem Testament hinterließ er Anthea und den beiden älteren Schwestern je 10 000 Dollar für ein Instrument. Mit 14 verliebte sich Kreston in das orangefarbene Holz einer Geige. Carl Becker hat sie 1928 gebaut. »Becker wollte die Geigen genauso bauen wie Stradivari. Deshalb hat er auch das helle Holz genommen«, sagt sie. Und deshalb nenne man Geigen von Carl Becker auch die »amerikanischen Stradivaris«. In Deutschland sagen Geigenbauer, eine Carl Becker sei kein Ferrari. Aber immerhin ein Volkswagen. Krestons Geige hat derzeit einen geschätzten Wert von 75 000 Dollar.
Es sind 24 Minuten bis zum nächsten Halt in Karlsruhe, so lange haben sie Zeit, die Geige zu finden. Sollte sie noch irgendwo im Zug sein. In den 24 Minuten entfaltet sich unter ihren neuen Kollegen etwas, das Kreston als magisch empfindet. Die Musiker sind daran gewöhnt, unter Druck ruhig zu bleiben. Im Konzert müssen sie punktgenau Höchstleistung abrufen – und dabei die Schwächen und Stärken der anderen einberechnen. Jetzt übersetzen ihre Kollegen diese Fähigkeit in eine Sonderkommission: Sie fahnden nicht nach dem einzig wahren Ausdruck ihres Klangs. Sie jagen einen Geigendieb. Überlegt, effektiv. Ohne Vorwürfe zu machen.
Kreston sucht hektisch unter den Sitzen, in den Gepäckablagen; erst in der Nacht bemerkt sie die blauen Flecken an Armen und Beinen, die sie sich bei der Suche zugefügt hat. Runge, Cellist und Sohn eines Diplomaten, fragt die Fahrgäste aus. Gregor Sigl, Bratschist, behält die Toiletten im Auge, die besetzt sind, und forscht in den Gesichtern, die vorbeigehen: Wirkt jemand nervös? Strengt sich jemand an, unauffällig zu wirken? Vineta Sareika, erste Geige, postet auf Facebook, dass die Carl-Becker ihrer neuen Kollegin geklaut wurde.
Wer kann die Geige gestohlen haben? Der Kasten, in dem sie liegt, ist eher sportlich als edel, es könnte auch ein Tennisschläger darin sein. Aber vielleicht ist ihr jemand gefolgt, hat sie beobachtet? Hat vermutet, die neue Geigerin des Artemis Quartetts spiele ein wertvolles Instrument – und hat dann einen unaufmerksamen Moment einer Musikerin auf Konzertreise abgewartet? Immer wieder gibt es Meldungen, dass Musiker, müde nach dem Konzert, von ständigen Ortswechseln, ihre Instrumente im Wert von Einfamilienhäusern im Zug, im Taxi, im Flugzeug liegen lassen.
Bis Karlsruhe: nichts. Kreston steigt mit Runge aus. Sie geben bei der Bahnhofspolizei eine Anzeige auf. Sareikas Facebook-Eintrag erreicht innerhalb eines Tages mehr als 100 000 Menschen, Tausende teilen die Nachricht. Wer jetzt einem Geigenhändler ein Instrument aus grellorangefarbenem Holz anbietet, gebaut 1928 von Carl Becker in Chicago, muss sich verdächtig machen.
Mittlerweile sind Geigen wie ein Picasso, ein Chagall, ein Pollock, zu Sammel- und Investitionsobjekten geworden – eine unfassbare Preisentwicklung. Während der Dow-Jones-Index seit den Sechzigerjahren auf das Zwanzigfache gestiegen ist, haben Spitzengeigen das Zweihundertfache zugelegt. Jährlich wachsen die Preise um zwölf Prozent. Das teuerste Instrument ist eine Bratsche von Antonio Stradivari, die »Macdonald«. Für 45 Millionen Dollar wurde sie angeboten, erblickte einige wenige Male das Rampenlicht und verschwand wieder im Safe des Geigenhändlers. Bis jemand bereit ist, wirklich so viel Geld für sie aufzubringen.
Für 16 Millionen Dollar wechselte eine Guarneri del Gesù, die »Vieuxtemps« aus dem Jahr 1741, den Besitzer und löste die »Lady Blunt «-Stradivari als teuerste Geige der Welt ab. Die »Vieuxtemps« wird derzeit von der US-Geigerin Anne Akiko Meyers gespielt, als Dauerleihgabe; der aktuelle Eigentümer der »Lady Blunt« ist anonym geblieben.
Immer wieder gibt es Versuche, das Geheimnis dieser Instrumente zu verstehen. Ist es das Holz? Der Jahrgang bestimmter Fichten? Ein Pilz? Das venezianische Brackwasser, in dem die Hölzer beim Transport gelegen haben mögen? Ist es die Wölbung der Decke, die Form, der Lack? Man durchleuchtet die Instrumente mit Computertomografen, will sie kopieren. Es gibt auch immer wieder Versuche, den Mythos zu entzaubern. Zum Beispiel den Blindtest, bei dem Virtuosen mit verbundenen Augen auf neuen Geigen und auf Stradivaris spielen, wobei die meisten den Neubau bevorzugten. Es ändert nichts: Das Begehren ist ungebrochen.
Auf dem Weg zur Polizeidienststelle im Hauptbahnhof Karlsruhe erinnert sich Kreston an abenteuerliche Geschichten von Geigendiebstählen, jeder Musiker kennt sie. Zum Beispiel die von Bronisław Huberman. Als er 1936 in der Carnegie Hall in New York Bachs Concerto in E-Dur auf seiner anderen Geige, einer Guarneri, spielte, schlich jemand in die Garderobe und nahm seine »Gibson« mit. Erst ein halbes Jahrhundert später tauchte die Geige wieder auf. Ein Wandermusiker hatte seiner Frau auf dem Totenbett gestanden, dass er damals die »Gibson« gestohlen habe. Er hatte sie mit Schuhwichse eingerieben, um das leuchtende Holz zu überdecken. Oder die Geschichte des damaligen Violinisten der Berliner Philharmoniker, Pierre Amoyal. Dessen »Kochanski« wurde 1987 gestohlen. Erst nach vier Jahren und einem hohen Lösegeld bekam er sie zurück.
Die 75 000 Dollar, die Krestons Geige wert ist, sind wenig im Vergleich zu den Wolkenpreisen der anderen. Trotzdem: Abgesehen vom persönlichen Verlust – die wenigsten Musiker, vor allem die wenigsten Kammermusiker, können sich heutzutage solche Geigen selbst kaufen.
Es ist 20 Uhr. Das Publikum in Freiburg wartet auf den Auftritt des Artemis Quartetts. Hinter der Bühne nimmt Kreston eine Geige nach der anderen in die Hand. Noch im Zug hatte ihre Kollegin Vineta Sareika Freiburger Professoren, Musiker, Studenten angeschrieben. Sie bat darum, eine Geige zur Verfügung gestellt zu bekommen, damit das Quartett das Konzert nicht absagen muss.
Jetzt liegen vor Kreston vier Geigen. Sie hat eine Minute pro Instrument, dann muss sie sich entscheiden. Sie spielt eine Tonleiter. Es kratzt entsetzlich. Zwei, drei Akkorde. Kreston legt ein Instrument weg und nimmt das nächste. Jede Geige ist anders, jede Saite hat eine eigene Persönlichkeit, die sich auch noch auf jedem Zentimeter zwischen Wirbel und Steg unterscheidet. Kreston spielte auf ihrem eigenen Instrument beinahe das ganze Leben. Um eine neue Geige kennenzulernen, brauche es Monate, sagt sie, wenn nicht Jahre.
»Du musst dir im Voraus verzeihen«, sagt sie, »sonst wird es schrecklich.« Verzeihen für den dummen Fehler, die Geige nicht mit aufs Zugklo zu nehmen. Für den Stress, den sie ihren neuen Kollegen verursacht hat, kurz vor einem Konzert. Sie denkt an die zehn bis zwölf Stellen im Schostakowitsch, den sie gleich spielen wird, die schlimm klingen werden. Anders als gewohnt. Nicht nur sie muss sich umstellen. Das ganze Quartett könnte während des Konzerts wie auf Eis gehen. Auch dafür muss sie sich verzeihen. Jeder Gedanke, der nicht in die Musik gehört, ruiniert den Moment. Der Kopf muss frei sein, das Herz offen liegen.
»Nimm die«, hört Kreston einen ihrer Kollegen sagen. Die Geige klingt milchig, warm, mütterlich. Es ist eine Barockgeige mit Saiten aus Katzendarm, aber das weiß Kreston noch nicht. Gleich werden sie einen mittleren Beethoven und einen Schostakowitsch spielen. Nur im Notfall würde ein Musiker in einem Konzert eine Barockgeige mit Darmsaiten dafür nehmen. Sie streicht die Hände an ihrem Konzertkleid ab, nimmt den Bogen, stimmt die Geige. Dann geht die Tür auf, und Kreston folgt Vineta Sareika auf die Bühne.
Es ist diese Bedingungslosigkeit, von der so oft die Rede ist, wenn man über Kammermusik spricht. Die ist es, die das Artemis Quartett in den 156 Kandidaten gesucht hat, vage irgendwie, intuitiv. Jetzt wird greifbar, was völlige Hingabe bedeutet.
In der Nacht nach dem Konzert in Freiburg, dem ersten Konzert, das sie ohne die Geige ihres Großvaters gespielt hat, schläft Kreston nicht. Sie bastelt ein Plakat, darauf ein Foto der Geige und ihre Mail-Adresse, die sie extra da für angelegt hat. Wenn eine Katze entlaufen war oder jemand einen Schlüsselbund verloren hatte, klebte in ihrer kleinen Stadt in Oregon an jeder Straßenecke ein Zettel mit der Bitte, mitzusuchen. Kreston bietet einen Finderlohn, 1250 Euro. Nicht zu niedrig, es soll schließlich ein Anreiz sein, die Geige abzuliefern. Aber auch nicht zu hoch. Wenn der Dieb bisher nicht wissen sollte, dass er ein Jahresgehalt eines höheren Beamten in den Händen hält, sollte er nicht durch einen zu hohen Finderlohn auf den Gedanken kommen.
Sie nimmt den ersten Zug am Morgen. Denkt an die Bäuche amerikanischer Officer, an den Becher schwarzen Kaffee, mit dem sie sich bewaffnen. Am Bahnhof in Mannheim kauft Kreston Donuts für die deutschen Bahnhofspolizisten. Was sie nicht weiß: Sie dürfen sie nicht essen, so sind die Vorschriften.
Im Mannheimer Bahnhof sitzt sie und wartet und hofft, dass die Polizei ihr Videosequenzen aus den Überwachungskameras zeigt. Sie könne ihren Geigenkasten doch am besten erkennen. Sie hört die Ansagen auf den Bahnsteigen, die Züge, die stündlich nach Berlin abfahren, aus Berlin ankommen. Sie spricht Leute an: Habt ihr die Geige gesehen? Studenten mit Instrumentenkoffern auf den Rücken erkennen sie, haben den Post auf Facebook gelesen. »Du bist Anthea!«, rufen sie. Und: »Viel Glück!« Vier schwere Männer mit struppigen Bärten überlegen, wie viel Bier sie sich vom Finderlohn kaufen könnten.
Dreieinhalb Stunden später hat ein Polizist endlich Mitleid. Kreston darf sich Videos aus den Überwachungskameras anschauen mit Personen, die die Polizisten für verdächtig hielten. Zeit lupe, Menschen steigen aus, Menschen gehen über den Bahnsteig, verschwinden aus dem Blickfeld der Kamera. Ihren Geigenkasten entdeckt Kreston nicht. Die Polizisten vermuten, der Dieb könnte die Geige in einen Koffer verstaut haben. Gleich ein gutes Dutzend der Taschen, Rucksäcke und Koffer der Reisenden, die am 14. Juni gegen 13:30 Uhr in Mannheim aus dem ICE 279 von Berlin nach Basel steigen, wäre groß genug gewesen, um einen Geigenkasten darin zu verstecken.
Es gibt auch einen Winkel, der den Kameras verborgen bleibt. Wenn der Dieb den Bahnhof genau kennt, könnte er den Zug verlassen haben, ohne dass ihn eine Kamera aufgenommen hat. Wenn er sich so genau vorbereitet hatte, spräche das für einen Auftragsdiebstahl.
Inzwischen wüsste jeder Geigenbauer, jeder einzelne Mensch in der engen Musikerwelt, dass Anthea Kreston, zweite Geigerin im Artemis Quartett, ihre Carl Becker mit dem grellen Holz von 1928 als gestohlen gemeldet hat. Bei Diebstählen teurer Instrumente ist es wie bei einem Werk von Picasso und Van Gogh: Es wäre nur unter der Hand zu verkaufen. An Liebhaber, die das Bild in den Tresor stellen, um es in einem einsamen Moment hervorzuholen und zu betrachten. Oder an Leute wie einem britischen Bratschisten, von dem Gregor Sigl erzählt: Der stahl einem Konzertmeister das Instrument, um darauf in seinem Keller zu spielen. Bis er starb.
Wenn ihre Geige in einem Tresor eines asiatischen Geschäftsmannes mit Liebe zu Meistergeigen verschwände wie das Cello des italienischen Geigenbauers Domenico Montagnana, das »Sleeping Beauty«, auf dem der Wiener Cellist Heinrich Schiff gespielt hatte, bekäme Kreston sie vermutlich nicht wieder.
Nach ein paar Tagen bekommt sie in Berlin einen Anruf. Die Mannheimer Polizei. Ein Geigenbauer in Bad Wurzach, Württemberg, hat ihre Geige abgegeben. Carl Becker, 1928, helles Holz. Ein junger Mann, kaum zwanzig Jahre alt, sei in den Laden gekommen: Er habe angegeben, die Geige gefunden zu haben, und wolle sie schätzen lassen.
Vielleicht war der junge Mann ein Gelegenheitsdieb, der auf gut Glück in Mannheim in den Waggon gestiegen war, sich das nächstbeste Ding geschnappt und ihn wieder verlassen hat, bevor der Zug wieder anfuhr. Vielleicht hat er am nächsten Tag einen der Zettel mit dem Finderlohn gesehen, die Kreston um den Bahnhof herum aufgehängt hat. Oder den Post auf Facebook gelesen. Vielleicht ist er dann erschrocken. Mit ein bisschen Holz in einem schäbigen Kasten hat er sich einen Riesenärger eingehandelt. Der Staatsanwalt hat gegen den jungen Mann noch keine Anklage erhoben, die Ermittlungen sind nicht abgeschlossen. Der Tatort war ein ICE auf dem Weg von Nordosten nach Südwesten, die Akte wandert durch Deutschland, den Zeugen hinterher.
Kreston hat ihre wertvolle Geige gesucht, aber etwas anderes Wesentliches gefunden. Es muss in Freiburg gewesen sein, als sie sich auf der geliehenen Barockgeige dem letzten Takt von Dmitri Schostakowitschs fünftem Streichquartett nähern. Es ist ein untypischer Schluss für Schostakowitsch, nicht rabiat, rhythmisch, sondern irgendwie nachdenklich. Ecki nickt ihr zu, Vineta lächelt, kaum merklich. Gregors Blick, tief wie immer. Die Musik wird zart, bis sie entschwebt. Anthea Kreston sieht in die Gesichter ihrer Kollegen und weiß, sie ist angekommen.

CAROLIN PIRICH
hat zweimal ihre Handtasche und einmal ihr dickes Notizbuch im Zug verloren, gebunden in blaues, abgegriffenes Leder – nichts von finanziellem, aber von emotionalem Wert. Die Taschen kamen inklusive Portemonnaie und Handy zu ihr zurück, das Notizbuch nicht. Manchmal versucht sie heute noch, sich an Sätze zu erinnern, die darin standen. Ob sie heute darin blättern könnte, wenn sie den Verlust damals auf Facebook gepostet hätte?

Süddeutsche Zeitung – Magazin, Fr 04.11.2016, Seite 44

Bitte unterstützen Sie den Journalismus, indem Sie Zeitungen und Zeitschriften kaufen oder, wenn Sie Texte lieber online lesen, im Internet kleine Beträge für die Artikel bezahlen. Dies können Sie zum Beispiel bei BLENDLE tun
https://blendle.com/

oder auf den Premium-Seiten der Zeitungen:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/violinen-raub-im-ice-klassischer-krimi-1.3231283?reduced=true

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s