Während er schlief

Ein Junge liegt im Koma. Freunde beten für ihn. Der Junge überlebt. Knapp zehn Jahre später ist er ein Mann, der begreifen will, was damals passiert ist

Text: Carolin Pirich
Fotos: Kiên Hoàng Lê für DIE ZEIT

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„Er sollte umbetet sein“, sagt die Freundin. Umbetet. Als könnten Gebete einen einhüllen
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Auf einmal hörte man, Shea Westhoff sei wieder aufgewacht. Er habe sogar ein paar Worte gesagt, er habe alle WM-Spiele der deutschen Mannschaft verfolgt, und nur einen Monat nach dem Unfall sei er dann am Bahnsteig gesehen worden, mit seinem blauen Eastpak-Rucksack. Die Leute auf der Straße in Butzbach haben ihm hinterhergeschaut, nachdem er aus dem Zug aus Gießen gestiegen war, wo er angeblich schon wieder zur Schule ging. Er habe keine Mütze getragen, an seinem Kopf soll nichts mehr von dem Aufprall zu bemerken gewesen sein. Und er habe gelächelt. Ein Wunder, dass er überhaupt wieder da war! So in etwa erzählten sie es.
Shea Westhoff hätte tot sein können. Er lag im Universitätsklinikum Frankfurt. Schläuche führten in seinen Mund und die Nase. Offenes Schädelhirntrauma III stand in seiner Diagnose. Die schwerste Stufe.
Als die Menschen im Ort von seinem Zustand erfuhren, haben sie für ihn gebetet, Stunde um Stunde, Tag für Tag, zwei Wochen lang.
Und dann war er wieder wach. Er sah aus wie früher. Aber für Shea Westhoff hatte sich alles verändert. Er war nun nicht mehr einfach ein sechzehnjähriger Junge, der eine große Klappe hatte und Basketball spielte. Er war eine Sehenswürdigkeit geworden. Einer, der am Tod vorbeigeschrammt war.
„Ich habe Glück gehabt“, so sagt er es manchmal. Es war ein Wunder, so sagen es die anderen.
Neuneinhalb Jahre nach dem Unfall steht Shea Westhoff auf einem Bahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs, die Haare wuschelig zurechtgegelt. Er studiert Medienethik und Journalismus und wohnt in Nürnberg, aber weil ihm die Stadt zu düster und eng vorkommt, hat er gerade seinen 26. Geburtstag in Freiburg gefeiert. Eine helle Stadt, findet er. Jetzt steigt Shea Westhoff in den Regionalexpress in Richtung Butzbach und lässt seine Reisetasche aus Leder auf den Nebensitz fallen. Dann schaut er hoch, lächelt. „Ich fahr gern nach Butzi“, sagt Shea Westhoff. „Aber drei Tage sind die Grenze.“
Jetzt, am Ende seines Studiums, als er noch mal überlegt, woher er kommt und was er mit seinem Leben machen wird, will er rekonstruieren, was in diesen zwei Wochen geschah, die in seinem Gedächtnis ausgelöscht sind. Sie sind ein blinder Fleck in seinem Leben, aber einer, der ihn definiert. Noch heute sprechen ihn die Menschen in Butzbach darauf an: „Na, Gott muss ja Großes mit dir vorhaben.“ Deshalb hat Shea Westhoff sich an die ZEIT gewandt, um mit einer Journalistin dem nachzuspüren, was manche Menschen „Glück“ nennen und andere „Wunder“. Aber gibt es das – Wunder?
Butzbach ist ein kleiner Ort in Hessen, 23 000 Einwohner, ein Schloss, drei Kirchen, eine evangelische Stadtmission. 2004 waren die Westhoffs mit ihren drei Kindern dorthin gezogen, weil sie auf der Suche nach einer engagierten Kirchengemeinde waren. Shea ist das Sandwichkind, eine ältere Schwester, ein jüngerer Bruder. Alle drei, vier Monate besucht er seine Eltern. Sie haben ein gutes Verhältnis, aber über den Unfall vor gut zehn Jahren haben sie selten gesprochen.
„Ich wollte nie genau wissen, was damals passiert ist, als ich zwischen Leben und Tod hing. Ich war ein paar Tage weg, danach war ich wieder da. Das war alles“, sagt Shea, knibbelt an dem Namensschild seiner Reisetasche und schaut auf die vorbeiziehende Landschaft. Es war, als habe der Wunsch zu begreifen auch im Koma gelegen.
Der 29. Mai 2006 ist ein warmer Tag, ein Montag. Am Abend, nach dem Basketball, fahren Shea, sein Freund Johannes und ein paar andere mit dem Rad zum Hauskreis im Nachbarort. So nennen die Jugendlichen aus der Gemeinde ihre Treffen, bei denen sie über alles sprechen, was sie interessiert, auch über Stellen in der Bibel. Johannes trägt einen Helm. Shea besitzt zwar auch einen, aber der hängt zu Hause an der Garderobe.
Es sind gut zwei Kilometer von Butzbach bis nach Nieder-Weisel. Sie radeln eine schnurgerade Straße entlang, die Felder in diesem Teil der Wetterau sind flach, wenige Bäume. Einfamilienhäuser, gepflegte Hecken. Das Licht von Straßenlaternen in der Dämmerung. Als Shea und seine Freunde fast da sind, verabreden sie ein Wettrennen: Die einen radeln links um den Block zum Ziel, die anderen rechts. Johannes, Torben und Niklas fahren rechts, Shea links auf die Raiffeisenstraße.
„Das war ein komisches Geräusch“, sagt Johannes heute, „schwer zu beschreiben.“
Johannes Groß sitzt neben Shea Westhoff auf der durchgesessenen Couch in der Butzbacher Stadtmission und erzählt von jenem Tag: Erst hört er den Bus, dann den Knall. Johannes rollt auf die Kreuzung.
„Shea lag auf dem Asphalt“, sagt er, „und blutete aus dem rechten Ohr.“
„Wie war das für dich?“, fragt Shea, als erfahre er die Geschichte eines anderen. „Weißt du noch, was du gedacht hast?“
„Ich hab gedacht: Das ist das gute Ohr!“
Als Shea drei Jahre alt war, stellen die Ärzte fest, dass er nur auf dem linken Ohr hört, weshalb er Schwierigkeiten hat, festzustellen, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt. Wahrscheinlich übersieht er daher an jenem Montagabend den Bus nicht nur, sondern hört ihn auch nicht. In der Lokalzeitung heißt es: „Der Jugendliche prallte mit dem Kopf gegen die linke Fahrzeugecke. Mit schweren Kopfverletzungen wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert. Der Sachschaden wird auf 3000 Euro beziffert.“
Die Windschutzscheibe reißt. Das Fahrrad wird unter den Bus geschleudert. Die Anwohner stürzen aus der Tür. Wählen die Handynummer von Sheas Vater. Der erreicht den Unfallort, noch bevor der Krankenwagen eintrifft. „So viele Leute standen um ihn herum“, sagt der Vater. „Mit Abstand.“ Es kommt ihm einen Augenblick lang vor, als würden sie alle die Seele seines Jungen auffangen wie ein Sprungtuch.
Die Familie Westhoff wohnt in Butzbach in einem kleinen Haus direkt neben der Evangelischen Stadtmission. Shea klettert oft über den Zaun, wenn er zum Gemeindehaus will. Ein Junge in seiner Basketballmannschaft nennt ihn damals immer Jesus, weil Sheas Haar ein bisschen länger und seine Haut ein bisschen blasser ist und er nicht nur sonntags betet.
Der Vater ist sofort einverstanden, als Shea ihn jetzt bittet, ihm von den Tagen im Koma zu erzählen. Aber die Mutter zögert. Oder zögert Shea, sie zu fragen, weil er befürchtet, es könne sie zu sehr mitnehmen? Damit sich Judith Westhoff jederzeit aus dem Gespräch zurückziehen kann, wenn ihr die Tränen kommen, haben die Eltern ein Café im Butzbacher Gewerbegebiet als Treffpunkt vorgeschlagen. Sie sitzen schon da, am Fenster. Als der Sohn kommt, stehen sie auf. Der Vater nimmt dem Sohn die Reisetasche ab, stellt sie sorgsam auf den Boden. Die Mutter streicht über seinen Arm.
„Shea war schon immer besonders“, sagt Gotthard Westhoff. Sheas Name ist gälisch, eine Abkürzung von sheperd, „Hirte“. Der Vater hat den Namen zum ersten Mal gehört, als er in den USA Theologie studierte und ihn die Begeisterung der Amerikaner für den Gottesdienst ansteckte. Gotthard Westhoff ist ein großer, charismatischer Mann mit klaren Gesichtszügen. Er lächelt, als er von dem Tag erzählt, an dem er den fünfjährigen Shea zum Fußballtraining brachte. Der Trainer ließ alle zum Elfmeter antreten. Nur wer traf, durfte mitspielen. Shea war der Jüngste. Der Vater überlegte schon, wie er den Jungen trösten könnte. Aber als Shea an der Reihe war, rief jemand den Namen des Torwarts. Der drehte sich weg, und der Ball kullerte ins Tor.
„Shea war schon immer unser Unfall-Boy“, sagt Judith Westhoff, eine schlanke Frau mit wachem Blick. Sie erzählt, wie er als Kind mit Rollschuhen eine Rutsche runterfuhr. Wie er sich beim Sturz einen Zahn in den Kiefer rammte. Als sie damals vom schweren Fahrradunfall ihres Sohnes erfährt, gibt sie gerade eine Aerobic-Stunde. Sie eilt zum Auto, spricht leise ihr erstes Gebet.
„Hast du Angst gehabt, Mama?“ Shea Westhoff schaut seine Mutter von der Seite an, lange genug, damit ihm keine Regung entgeht, aber auch nicht zu intensiv, als fürchte er ihren Gegenblick. Die Vorstellung, seine Mutter weinen zu sehen, ist für ihn schwer zu ertragen.
Als Judith Westhoff den Unfallort erreicht, steht der Busfahrer am Straßenrand, raucht, murmelt, raucht, murmelt: „Hab ihn nicht gesehen. Hab ihn nicht gesehen.“
An der Kreuzung hat sich der Vater neben den Sohn gekniet. Er streicht ihm über den Kopf. Sagt: „Papa ist da.“ Sagt: „Alles wird gut.“ Sagt: „Ich hab dich lieb.“ Shea erbricht sich. Die Sanitäter treffen ein und tragen den Jungen von der Straße in den Krankenwagen, versuchen, ihn zu stabilisieren.
Das Universitätsklinikum Frankfurt, eine der besten Notfallambulanzen Deutschlands, stellt die Diagnose:
Offenes Schädelhirntrauma III
Felsenbeinfraktur rechts
Kallotenfraktur rechts parieto-occipital
Lungenkontusion
Multiple Kontusionsblutungen bilateral.
„Sie sehen frisch aus“, sagt Thomas Vogl, Professor für Röntgendiagnostik und Radiologie, und streckt Shea Westhoff die Hand entgegen. Ein heller Tag im Dezember 2015. Eine weitere Station auf seiner Recherche in der eigenen Vergangenheit.
Fünfunddreißig Kilometer sind es von Butzbach bis Frankfurt, eine halbe Stunde Fahrt. Um 21.18 Uhr schieben die Sanitäter Shea in den Schockraum der Notfallambulanz, durchleuchten ihn im Computertomografen, einmal, zweimal. Der Apparat macht Bilder von seinem Körper: Becken, Wirbelsäule, Kopf. Thomas Vogl schaut sich das Bild des Gehirns immer wieder an. Erkennt die schwarzen Flächen im schimmernden Grau als Blutung, sieht den Bruch in der Schädeldecke.
„War das etwas, wo Sie sagen, ach, der erholt sich schon, das kennen wir, oder war das eher etwas Schlimmes?“
Shea Westhoff rückt mit dem Stuhl näher an den Bildschirm. Betrachtet die Röntgenaufnahmen von damals. Eine zeigt ihn im Profil, ein leuchtender Schattenriss: der charakteristische Nasenrücken, sein Kinn. Daneben sein Gehirn.
„Das Bild sieht übel aus, prognostisch ungünstig“, sagt der Arzt. „Bei vielen, die so aussehen, gibt es bleibende Schäden. Bewegungsstörung, Gedächtnisstörung, psychosomatische Störung.“
Als der Formel-1-Fahrer Michael Schumacher am 29. Dezember 2013 beim Skifahren auf einen Felsen krachte, lautete die Diagnose ebenfalls schweres Schädelhirntrauma. Schumacher lag Monate im Koma und kämpft sich bis heute ins Leben zurück.
Die Eltern beten für Shea. Abwechselnd halten sie an seinem Bett Wache. Irgendwann schicken die Ärzte sie nach Hause, geben ihnen die Kleidung des Sohnes, die sie aufgeschnitten haben, in einer Plastiktüte mit. Judith Westhoff riecht Blut, als sie sie herausholt. Nur die Socken behält sie. Sie hat sie immer noch im Schrank.
„Heftig, irgendwie.“ Shea Westhoff sagt es mehr zu sich, als er die Klinik in Frankfurt verlässt. Er sieht sein Leben jetzt wie der Zuschauer eines Theaterstücks.
Gotthard und Judith Westhoff sind Christen. Sie gehören einer evangelisch-lutheranischen Freikirche unter dem Dachverband der evangelischen Kirche an, wie viele ihrer Bekannten auch. Manche melden sich gleich am Tag nach dem Unfall bei ihnen.
E-Mail vom 30. Mai, 8.25 Uhr: Liebe Judith, lieber Gotthard, ganz betroffen habe ich vom Unfall eures Sohnes gehört und kann kaum Worte finden. Ich wünsche euch, dass ihr und vor allem Shea Gottes Nähe spürt, und bete für euch. Ulrike
E-Mail vom 30. Mai, 10.46 Uhr: Lieber Gotthard, gerade hörte ich von Karl-Heinz über euren Sohn. Wir haben selber ein Kind verloren und können uns gut vorstellen, wie viel Hoffen und Bangen und wie viel Gedanken da jetzt in euch sind. (…) Viel Kraft und Geduld! Urs und Christa
„In der Situation damals hatte ich das Gefühl: Es ist von Bedeutung, permanent für ihn zu beten“, sagt Dorothee Marx.
Sie sieht in den grauen Dezemberhimmel, eine junge Frau mit der Energie eines Menschen, der immer genau zu wissen scheint, was er tut und warum. Heute arbeitet sie als Sozialpädagogin. Bald nach dem Unfall kam sie mit Sheas Freund Torben zusammen, der damals auch an der Kreuzung stand.
„Ich wollte für ihn beten, rund um die Uhr“, sagt sie. „Er sollte umbetet sein.“ Ein schönes Wort, umbetet. Als könnten Gebete einen Menschen einhüllen, wie eine Mutter ihr Kind in weiche Kissen bettet.
Jetzt sitzt Dorothee Marx in einem Café in Berlin, wo sie gerade ihre Schwägerin besucht, und versucht, sich an Einzelheiten zu erinnern. Sie war 17, und bis zu jenem 29. Mai 2006 haben Doros und Sheas Leben nicht viel miteinander zu tun gehabt. Sie will im Alltag mit dem Glauben leben, er geht gern feiern und mag keine Regeln.
Als Doro erfährt, dass Shea im Koma liegt, verspürt sie einen Impuls und schreibt eine E-Mail an den Verteiler der Kirchengemeinde: Jeder möge sich am Tag eine Stunde freinehmen, um an den Jungen zu denken, der diesen schlimmen Unfall hatte. Als sich viel mehr Leute melden, als sie erwartet hat, schreibt Dorothee Marx eine Art Stundenplan. Als der Internetbetreuer der Gemeinde einen Tag später eine interaktive Liste im Netz daraus macht, ist bald jede Gebetsschicht besetzt. Es sind die Jugendlichen aus dem „Teen-Kreis“ der Stadtmission, ältere Ehepaare, Alleinstehende, Familien. Es finden sich so viele, dass sie die Schicht für jeden auf zwanzig Minuten kürzen können.
00.00 – 00.20 Konni, Siggi R.
00.20 – 00.40 Chris, Horst K.
00.40 – 01.00 Judith V., Christiane F.
01.00 – 01.20 Andi, Esther, Madita, Josua F.
01.20 – 01.40 Franziska
01.40 – 02.00 Anne
02.00 – 02.20 Dieter, Jennifer
02.20 – 02.40 Gerald
02.40 – 03.00 Doro, Miriam S.
03.00 – 03.20 Benjamin
03.20 – 03.40 Soehnke
03.40 – 04.00 Jonas B.
„Wir haben immer kurz vor Mitternacht an dich gedacht“, sagt Günther Jensen, als Shea Westhoff ihn bei Gebäck und Kerzenschein befragt. Jensen ist ein Rentner, der Shea damals gar nicht persönlich kannte. „Ich glaube, dass Menschen durch Gebet geheilt werden“, ergänzt Jensens Frau. Damals bekommen die Westhoffs Briefe, Anrufe, immer wieder liegt Geld in ihrem Briefkasten, als Unterstützung für die vielen Fahrten nach Frankfurt in die Klinik.
„Da ist Dankbarkeit, Erstaunen“, sagt Shea Westhoff, als er über den Marktplatz läuft, vorbei an den schmalen Fachwerkhäusern, an der Reihenhaussiedlung, in der er aufgewachsen ist. Mit seiner Reisetasche, dem Fünftagebart, dieser weit geschnittenen Jacke aus den Achtzigern, die in einer größeren Stadt schon wieder hip ist, fällt er auf in Butzbach. „Diese vielen Leute, die sich wirklich den Wecker gestellt haben! Da ist eine Hingabe, an die komme ich nicht wirklich ran.“ Er bleibt stehen. „Aber die haben das nicht nur für mich gemacht.“
Seitdem Shea Westhoff zum Studium weggezogen ist, lebt er in einer Welt von Zweiflern: Freunde, Kommilitonen, Arbeitskollegen im Praktikum, überall trifft er Menschen, für die es wenige Wahrheiten gibt. Für die Religion höchstens an Weihnachten und Ostern eine Rolle spielt. Shea Westhoff ist nicht sicher, ob es Wunder wirklich geben kann; etwas, wofür niemand eine Erklärung findet, was menschlicher Erfahrung nach unwahrscheinlich ist. Aber jetzt fragt er sich, ob ihm diese Gebete damals vielleicht wirklich geholfen haben könnten. Wäre er ohne sie noch am Leben?
„Gott ist kein Automat, in den man oben ein Gebet reinwirft, und unten kommt das gewünschte Ergebnis raus“, sagt Kornelius Weiß, der Gemeindepastor in Butzbach. Weiß, den sie hier Konni nennen, trägt einen Ring im Ohr und den schwarzen Bart, an dem seine zweijährige Tochter gerade zupft, spitz und lang. Er arbeitet seit vielen Jahren mit Jugendlichen der Gemeinde. Daher kennt er auch Shea Westhoff, der jetzt neben ihm sitzt. Konni nickt ihm zu. Er mag Sheas Art, auf die Leute zuzugehen.
Auch Konni übernimmt damals Schichten. Zeitgleich erreicht ihn die Nachricht, ein enger Freund habe einen Hirntumor. Auch für den gibt es eine Gebetskette. Neun Monate später stirbt der Freund. „Das hat nichts mit der Häufigkeit oder der Qualität des Gebets zu tun“, sagt Weiß. Es klingt nicht ratlos, nur ein wenig rätselhaft. „Aber es ist bestimmt kein Zufall, dass der Shea heute noch da ist. Das wird seinen Grund haben.“
In der Komaforschung weiß man bis heute nicht, was ins Bewusstsein dringt und wo es überhaupt anfängt und endet, das, was wir Bewusstsein nennen. Aber man sollte mit den Menschen sprechen, die im Koma liegen, auch wenn sie nicht reagieren, darüber sind sich Forscher einig. Man soll ihnen vorsingen, vorlesen und sie berühren. Niemand kann ausschließen, dass doch etwas zu ihnen dringt.
Shea Westhoff erinnert sich an nichts. Nicht daran, wie seine Mutter an seinem Krankenbett sitzt, auf einem Stuhl, der so schmal ist, dass sie gerade daraufpasst. Nicht daran, dass sein Vater zu den anderen Kindern geht, die ebenfalls bewusstlos im Raum liegen, Bett neben Bett, und auch für sie Gebete spricht. Oder daran, wie seine Mutter Stunden über Stunden seine Hand streichelt. Er hört nicht, wie sie leise ein Kinderlied in sein Ohr singt, ein Lied aus Psalm 91: Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Vier Tage nach dem Unfall oder auch fünf, das kann selbst sein Vater nicht mehr sagen, dämmert Shea auf. Er weiß nicht mehr, wie die Ärzte in sein Auge leuchteten. Wie sein Vater ihn ansprach. Wie erleichtert das Gesicht seiner Mutter aussah, aus dem dann aber für Monate die Sorge nicht wich.
Als er beim nächsten Mal wieder aufwacht, sagt Shea seinen ersten Satz. Er sagt: „Ich bin ein Mann, und ich habe einen Schwanz.“ Er ist wach. Aber ist er wie vorher?
„Sie haben noch mal richtig Glück gehabt“, hat Thomas Vogl zu ihm gesagt, der Arzt an der Uni-Klinik Frankfurt.
Glück. Shea hat das Wort von seinem Besuch dort mitgenommen. Er bewegt es hin und her, als würde er sein Gewicht fühlen. Glück klingt gut, aber auch nach Zufall. Und wenn es doch mehr als Glück war? Wenn ihn eine größere Kraft getragen hat, die er nicht erklären kann und die daher umso strahlender, umso tröstender erscheint? Welchen Unterschied würde das machen?
Das Erste, woran Shea Westhoff sich nach seinem Unfall erinnert, ist das WM-Spiel der Deutschen gegen Costa Rica. Kapitän Philipp Lahm trägt einen Gips am Arm, trotzdem gewinnt die Mannschaft 4 : 2. Dann Momente in der Reha: Wie der Vater ihn im Rollstuhl bei strahlender Sonne über eine Neckarbrücke schiebt. Er weiß noch die Vokabeln aus dem Englischtest, den er in der Schule noch vor den Sommerferien mitschreibt, obwohl ihn die Lehrer freistellen. Promising, lautete ein Wort, vielversprechend. Er bekommt eine Eins.
Am 20. Oktober 2006 stellt der Arzt in der Reha-Klinik fest, dass Shea Westhoff vollständig geheilt ist. Keine Folgeschäden. Ein Wunder, sagt der Arzt.
„Erst als er angefangen hat zu studieren, habe ich aufgehört, Shea permanent zu beobachten“, sagt Judith Westhoff, die Mutter.
„Manchmal schrecke ich heute noch zusammen, wenn ich ein Martinshorn höre“, sagt Gotthard Westhoff, der Vater.
„Es macht keinen Unterschied, ob wir zwei Minuten oder vierundzwanzig Stunden für eine Sache beten. Gott wirkt so oder so“, sagte Dorothee Marx, die Freundin.
Shea Westhoff sagt, dass er am eigenen Leib erfahren hat, dass das Leben wertvoll ist. Er spricht von der Freiheit, sich nicht messen zu müssen. „Ich darf ich selbst sein“, sagt er. „Und wenn ich falle, werde ich aufgefangen.“ Ob man ihn versteht? All diese Menschen haben für ihn gebetet. Das gibt ihm auch heute noch Gewissheit. Dass er nicht allein ist. Dass da jemand ist.
Nach zwei Tagen in Butzbach packt Shea Westhoff seine helle Ledertasche. Er fährt zurück zur Uni. Wenn er seinen Abschluss hat, will er in eine hellere Stadt ziehen. Als er wieder am Bahnsteig steht und sein Zug einfährt, fällt ihm ein, dass er auch heute keinen Fahrradhelm trägt. Warum, das kann er gar nicht so genau sagen.

Erschienen in DIE ZEIT, Mi 30.12.2015

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