Ein Bild von einem Bild

Ein Künstler malte den „Bruderkuss“ auf die Mauer. Das Gespür für den rechten Augenblick aber hatte ein anderer. Die Geschichte eines legendären Fotos.

Von Carolin Pirich

Régis Bossu hält sich gern zurück, auch wenn das nicht zu seinem Beruf passt. Er ist Pressefotograf, ein schmaler Mann, der kein Künstler ist und sich auch nicht als solcher betrachtet, der sich nicht nach vorn drängt, damit er den Augenblick trifft. Im Oktober 1979 stand er auch nicht in der ersten Reihe, sondern hinter den Kollegen mit ihren großen Apparaten. Aber diesmal war das sein Glück. Leonid Breschnew beendete eine Rede zum 30. Jahrestag der DDR. Er nahm seine Brille ab, breitete die Arme aus und schürzte die Lippen. Da drückte Régis Bossu auf den Auslöser seiner Nikon.Erich Honecker neigte seinen Kopf etwas mehr zur Seite als Breschnew, beide hielten die Augen geschlossen, als gäben sie sich ganz dem Moment hin. Die Lippen aufeinandergedrückt, zärtlich, ineinander verschlungen, zwei graue und faltige Männer. Später gab die französische Fotoagentur dem Bild einen Namen, als sie es an Redaktionen verschickte. „Le Baiser“, der Kuss, als wäre es das Bild eines Malers. Elf Jahre später war dieser Kuss für einen Maler aus Moskau Symbol für sein Liebesleid. Dmitri Vrubel musste sich zwischen zwei Frauen entscheiden. Deshalb schrieb er „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“ unter das Bild, nachdem er es auf die Berliner Mauer gemalt hatte. Honeckers Hautfarbe wirkt grünlich, Breschnews babyrosa. Sonst sieht das Gemälde so aus wie das Schwarzweißfoto von Bossu: die Innigkeit, die Neigung der Köpfe, die Haut, die über Breschnews Kragen Falten wirft.Gerade hat Vrubel das Bild ein zweites Mal auf das 1,3 Kilometer lange Stück Mauer an der Mühlenstraße in Berlin gemalt, das heute East Side Gallery heißt. Zeit, Abgase und Sprayer haben ihre Spuren hinterlassen. Deshalb sollen die Künstler nun genau das wiederholen, was sie vor zwanzig Jahren machten, als sie auf einem Stück Mauer festhielten, was sie bei ihrem Fall fühlten.Von den 106 Gemälden der East Side Gallery ist der Bruderkuss das berühmteste. Er wurde wieder und wieder fotografiert, von Touristen und Pressefotografen. Man kann ihn auf Postkarten verschicken und auf der Brust tragen, weil er inzwischen auch auf Minikleider gedruckt wird. Der Augenblick, den Régis Bossu vor dreißig Jahren festhielt, wurde erst Kunst und dann Kult. Anfang Oktober 1979 küssten sie sich oft. Leonid Breschnew und Erich Honecker küssten sich zur Begrüßung, zum Dank für eine Rede, zum Abschied, auf die Wangen, auf den Mund. Zwar bedeutete der Bruderkuss mehr als das Händeschütteln anderer Staatsmänner. Er war aber doch nur ein Begrüßungsritual unter Sozialisten. Wenn man das Bild heute betrachtet, scheint es, als sei es damals nur um den einen Kuss gegangen. Zwei Menschen und das Ende einer Sehnsucht. Damals fotografierte Régis Bossu für Sygma, eine der großen französischen Agenturen. Er ist nicht besonders kräftig, eher zart. Er lächelt höflich in jede Richtung. Er entschuldigte sich, wenn er mit dem Ellenbogen einen Kollegen stieß. Später erkannten sie ihn an der Leiter, die er zu Presseterminen mitbrachte, damit er auch von hinten einen guten Blick hatte. Er hatte nur das Teleobjektiv, das er auf seine Kleinbildkamera schraubte, weil er mit dem Weitwinkelobjektiv aus dieser Entfernung nicht scharf aufnehmen konnte. Er musste sich für Details entscheiden und konzentrierte sich aufs Wesentliche. Aber das lässt sich nur im Rückblick sagen. Für ein gutes Bild muss ein Fotograf ein Gespür für den perfekten Augenblick haben, und die technische Qualität muss stimmen. Bei Régis Bossu fiel beides zusammen. „Ich habe Glück gehabt“, sagt er, genauer: „Isch abe Glück ge-abt“.Sein Akzent ist stark, obwohl er seit mehr als 35 Jahren in Deutschland lebt. Régis Bossu arbeitete im französischen Verdun in der Bildredaktion von „Stars and Stripes“, einer Zeitschrift für amerikanische Soldaten in Europa. Als die Amerikaner aus Verdun abzogen, wurde die Redaktion nach Darmstadt verlegt. Régis Bossu zog mit und begann zu fotografieren. Es waren goldene Jahre für Fotografen, damals.Am Wohnzimmertisch seines Reihenhauses in Griesheim bei Darmstadt hat Régis Bossu seine Zeitungsseiten ausgebreitet. Auf anderen Fotos sieht der Kuss bloß aus wie eine Begrüßung zwischen sozialistischen Politikern. Ein Kontaktabzug zeigt den Ablauf des Empfangs damals, 36 Miniaturfotos auf schwarzem Grund. Breschnew und Honecker kommen herein. Sie nähern sich, berühren sich, der Kuss. Es gibt mehrere Aufnahmen, aber nur eine wird von den Redaktionen ausgewählt. „Paris Match“ druckte als erste Zeitschrift das Bild, auf einer Doppelseite. Später folgten „Stern“, „Bunte“, „Time“ und all die anderen. „Ich könnte mein Wohnzimmer mit dem Foto tapezieren“, sagt Bossu. Er spricht langsam und mit leiser Stimme. Noch immer wirkt er ein wenig verwundert. Regelmäßig bekommt er seinen kleinen Anteil überwiesen, wenn die Agentur es verkauft. Auch Firmen werben damit, Wodka-Hersteller, Telekommunikationsanbieter, die Deutsche Bahn für Fahrten nach Berlin. Manchmal muss Régis Bossu um sein Honorar streiten. Dieses Bild habe ein russischer Künstler auf die Mauer gemalt, hört er dann, es sei für alle da.Es gibt ein Foto, das zeigt, wie Régis Bossu seiner Frau vor dem Bild an der Mauer einen Kuss gibt. Der Sohn hat es gemacht und den Augenblick getroffen, als sie sich wieder voneinander lösten. Bossu war damals immer wieder in Berlin. Irgendwann sei das Bild einfach auf der Mauer gewesen. Aber den, der es gemalt hat, traf Bossu erst vor kurzem. Er brachte einen großen Abzug des Fotos mit, darauf eine Widmung für den Künstler. Unterhalten haben sich die beiden nicht. Sie sprechen keine gemeinsame Sprache, und sie sind auch sonst sehr verschieden. Der eine ein wuscheliger Künstler aus Moskau, dem die Zeit nur wenige Zähne gelassen hat. Der andere ein französischer Fotograf, der sich wünscht, dass irgendwann unter dem Bild an der Mauer neben dem des russischen Künstlers auch sein Name steht. Dann wäre, wenn auch ganz klein, auf all den Fotos des Kunstwerks, das nach seinem Foto entstanden ist, sein Name zu sehen.

Erschienen in Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.8.2009

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